Corona: Hilferuf einer Landärztin

27.03.2020 | 14:13 Uhr

Dr. med. Astrid Lukowsky führt eine typische "Landarzt-Praxis" in Wettin in Sachsen-Anhalt. Die Hausärztin hat sich mit einem Hilferuf an MDR JUMP gewandt. Ihr und vielen Kollegen gehe langsam aber sicher die Schutzkleidung aus. Ausreichender Nachschub sei nicht in Sicht. Wenn es so weitergehe, könne es sogar zur Schließung von Praxen kommen.

Dr. med. Astrid Lukowsky, Hausärztin in Wettin / Saalekreis, Stellvertretende Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Saalkreis
Bildrechte: Kassenärztlichen Vereinigung Saalkreis

Waren schon Corona-Patienten bei Ihnen in der Praxis?

Ja, wir hatten hier schon positiv getestete Fälle, meistens junge Leute, die aus den Skigebieten zurückgekehrt sind. Zum Glück waren das bisher nur milde Verläufe.

Wie laufen die Tests bei Ihnen ab?

Bei manchen Patienten machen wir den sogenannten „Drive-In-Abstrich“. Draußen auf dem Praxishof an der frischen Luft. Der Patient bleibt im Auto und macht das selbst, da ist die Gefahr für uns sehr gering. Da tragen wir einen normalen Mundschutz, das ist kein Problem. Wir haben aber jetzt zusätzlich auch Influenza-Patienten, und denen geht es zum Teil schlecht. Die haben Husten und Fieber. Das kann ich ethisch nicht vertreten, dass ich nur einen Abstrich mache, und die dann mit Krankenschein und Rezept wieder nach Hause schicke. Die müssen einen Mundschutz bekommen, und die muss ich auch in der Praxis genauer untersuchen. Wir können nun leider die Infektionsketten nicht mehr nachverfolgen, das gerät gerade außer Kontrolle. Wir müssen deshalb uns, unser Praxisteam und die anderen Patienten bestmöglich schützen.

Wie können Sie diesen Schutz für das medizinische Personal denn gewährleisten?

Das ist ein großes Problem! Wir haben heute eine Lieferung mit Schutzausrüstung bekommen. Pro Praxis zehn normale Mundschutze, ganz einfache OP-Masken, 3 FFP3 Masken und ein Päckchen Handschuhe. Kein Desinfektionsmittel, nichts. Darüber bin ich stinksauer.  Wir fühlen uns total im Stich gelassen. Wir sind die Säule des Gesundheitssystems, das im Moment noch gut funktioniert. Wir haben deshalb so wenige Todesfälle, weil getestet wird ohne Ende. Und das machen die Hausärzte. Ich hatte in der letzten Woche hier pro Tag mindestens zehn Tests.

Was muss aus ihrer Sicht passieren?

Wenn wir keinen Selbstschutz mehr für uns und unsere Mitarbeiter gewährleisten können, dann können wir die Schließung von Arztpraxen in der nächsten Zeit natürlich nicht ausschließen. Das Bundesgesundheitsministerium hat leider viel zu spät reagiert, schon im Dezember hätte entsprechende Ausrüstung beschafft werden müssen. Wir brauchen klare Anweisungen bundesweit und ausreichend Material für unseren Schutz. Das ist ein Pandemie-Fall, und da ist der Gesetzgeber gefragt.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Feierabendshow | 27. März 2020 | 14:40 Uhr

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