Wird das Immunsystem faul durch den Lockdown?

Durch den strengen Lockdown haben wir viel weniger Kontakt mit Krankheitserregern. Das belegen die extrem niedrigen Grippezahlen in diesem Winter. Wird unser Immunsystem faul und was bedeutet das für die Zeit danach?

Mutter sitzt am Bett von krankem Sohn.
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Seit fast zwei Monaten gilt der strenge Lockdown in Deutschland. Aber auch im Sommer zuvor hatten wir Abstandsregeln, Hygienegebote und Maskenpflicht. Experten sind sich sicher, dass die Maßnahmen gegen das Coronavirus sehr geholfen haben und ohne sie noch sehr viel mehr schwere Erkrankungen und Todesopfer zu beklagen wären. Zugleich zeigt sich aber auch, dass ganz allgemein Krankheiten verhindert werden und das ist nicht nur positiv. Überall auf der Welt, wo Hygiene- und Abstandsregeln eingeführt wurden, sind die Grippezahlen niedriger als je zuvor. Zudem erkranken viele Kinder wegen geschlossener Kitas und Schulen nicht mehr an Kinderkrankheiten wie Scharlach oder Windpocken, das belegt aktuell eine Auswertung der Erfahrung von Kinderarztpraxen aus dem Saarland.

Was bedeutet das für unsere Immunsysteme?

Fehlt unserer Abwehr das Training und werden wir alle krank, wenn die Coronaregeln nach der Pandemie aufgehoben werden? Sicher beantworten lässt sich diese Frage mit wissenschaftlichen Fakten noch nicht. Dafür ist die aktuelle Situation historisch zu einmalig. Es fehlen schlicht ähnliche Erfahrungen. Doch es gibt erste Hinweise.

Nächste Grippewelle könnte heftiger sein

GroÃßer Aufkleber mit Piktogramm und Aufschrift Bitte Mund und Nase bedecken klebt auf dem Boden im Hauptbahnhof München
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So haben Epidemiologen um Rachel Baker von der US-Eliteuni Princeton Daten zum respiratorischen Syzynzial Virus (RSV) und zu Influenza ausgewertet. Das RSV ist ein Virus, das vor allem bei Kindern schwere grippale Infekte auslöst. Die Modelle von Baker und Kollegen zeigen: Je länger die letzte Welle mit Infektionen dieser Erreger zurückliegt, desto mehr Menschen werden empfänglich für eine neue Infektion, desto heftiger fällt also die nächster Infektionswelle aus. Für die Influenza ist dieser Zusammenhang zwar nicht so eindeutig wie für RSV – bei Grippe spielt immer eine Rolle, welcher der vielen verschiedenen Stämme sich in einer bestimmten Saison durchsetzt – doch auch hier gehen die Forscher davon aus, dass es ohne Gegenmaßnahmen zu einer Art Supergrippewelle kommt, wenn die Coronaregeln gelockert werden.

Coronaregeln lassen nützliche Bakterien verschwinden

Ein anderes Problem betrifft das sogenannte Mikrobiom. Das ist die Gemeinschaft der unzähligen Bakterien, mit der wir Menschen in Symbiose leben und die unter anderem nützliche Dienste für unsere Verdauung erledigen. Forscher sind erst vor wenigen Jahren darauf aufmerksam geworden, dass die Menschheit durch Verstädterung, Antibiotika und übertriebene Reinlichkeit zwar einerseits gefährliche Infektionskrankheiten in den Griff bekommen, andererseits aber auch die Vielfalt der mit uns lebenden Bakterien reduziert hat. Dieser Verlust von Mikrobiom wird verantwortlich gemacht für eine wachsende Zahl von Allergien, Asthma, aber auch Lebensmittelunverträglichkeiten und einer insgesamt schwächeren Immunabwehr. Die Coronaregeln könnten diesen Verlust wertvoller Bakterien weiter beschleunigen, befürchten Forscher aus den USA im renommierten Fachjournal PNAS.

Immunsystem kann auch jetzt trainiert werden

Die Forscher betonen, dass die Coronaregeln absolut notwendig und hilfreich sind. Sie empfehlen aber Maßnahmen, um den Verlust am Mikrobiom auszugleichen und das Immunsystem für kommende Kontakte mit der Grippe und anderen Viren vorzubereiten. So sollen Menschen so viel Zeit wie möglich in Parks oder besser noch in Gärten verbringen und sich am besten auch Haustiere halten. Wichtig sei auch, auf überflüssige Antibiotika zu verzichten. Und um das Immunsystem auf kommende Kontakte mit Grippeviren vorzubereiten empfiehlt sich die Grippeimpfung.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Feierabendshow | 01. März 2021 | 15:40 Uhr

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