Corona-Infektionen: Das Märchen von den Party-Machern

Verantwortungslose Partygäste sind schuld am Wiederaufflammen der Corona-Pandemie. So hört man es immer wieder. Doch das ist allerhöchstens ein kleiner Teil der Erklärung.

Tanzende Partygäste anlässlich einer Techno-Party im Haus der Kulturen der Welt in Berlin.
Bildrechte: imago/David Heerde

Für eine Weile schien die Sache klar. Verantwortungsloses Party-Volk sollte an den aktuell wieder rasant steigenden Corona-Zahlen schuld sein. Wahlweise auch die Teilnehmer von irgendwelchen „Clan-Hochzeiten“. Was auch immer das ist. So jedenfalls war es zu lesen, als zunächst die registrierten Fälle in einigen Berliner Stadtbezirken wie Neukölln, Mitte oder Friedrichshain-Kreuzberg durch die Decke gingen.

Doch mittlerweile wissen wir: Corona ist eigentlich im ganzen Land mit voller Wucht zurück. Und weil mittlerweile bei den Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner Gegenden wie der bayerische Landkreis Berchtesgadener Land vorn liegen, ist eigentlich auch die These mit den Feierwütigen oder den Groß-Hochzeitsfeiern als Treiber der Pandemie nicht mehr wirklich haltbar. Oberbayern ist jedenfalls weder als deutschlandweite Partyzentrale noch als Top-Eheschließungslocation für Großfamilien bekannt. Bei uns in der Region gilt das – ohne jemandem zu nahe treten zu wollen – auch für viele jetzt massiv von Corona betroffene Gegenden wie den Erzgebirgskreis, den Landkreis Sömmerda oder das Jerichower Land.

Es muss also andere Gründe geben. Oder sagen wir: AUCH andere Gründe. Dass es auch unter Feiernden Ansteckungen gegeben hat, bestreitet niemand. Das Robert Koch-Institut (RKI) schreibt von einem „diffusen“ Infektionsgeschehen „mit vermehrten Häufungen in Zusammenhang mit privaten Feiern im Familien- und Freundeskreis“.

Nur ein Teil der Infektionen lässt sich zuordnen

Wer nun nach weiteren Gründen fahndet, warum die Corona-Zahlen wieder steigen beziehungsweise wissen will, wo sich die Menschen sonst noch so anstecken, steht schnell vor einem handfesten Problem – denn laut RKI kann nur ein Viertel der insgesamt gemeldeten Covid-19 Fälle überhaupt einem Ausbruch zugeordnet werden. Die Gesundheitsämter sind vielerorts mit dem Nachverfolgen von Kontakten überfordert. In manchen Fällen haben sie sich zum Beispiel Hilfe von der Bundeswehr erbeten, lösen lässt sich das Problem aber so trotzdem nicht.

Auswertungen des Gesundheitsamtes Frankfurt am Main zeigen aber: Feiern sind offenbar nur eine von vier Hauptmöglichkeiten, wie sich Menschen mit dem Sars-CoV-2-Virus anstecken. Die anderen sind demnach gemeinsame Fahrten im Pkw sowie gemeinsame Pausenaktivitäten während der Arbeit. Der sorglose Mittagsplausch mit den Kollegen ist also womöglich problematischer als wir denken.

Und noch einen Punkt gibt es: Die beengte Unterbringung zum Beispiel von Geflüchteten in Gemeinschaftseinrichtungen. Auch da kann sich das Virus gut ausbreiten. Gleiches gilt für Altenheime. Das Problem hier: Sowohl in Unterkünften für Senioren als auch für Geflüchtete führt eine einzige Infektion oft zu besonders vielen Folgeinfektionen. Das unterscheidet diese Fälle von Infektionen in der Familie. Hier steckt ein Infizierter im Schnitt 3,2 Menschen an. In Gemeinschaftsunterkünften und Heimen sind es dagegen 18 bis 20. Auch am Arbeitsplatz liegt die Zahl vergleichsweise hoch, bei etwa 14. Also: Vorsicht im Büro. Im Ernst!

Wir haben die Zahl unserer Kontakte wieder erhöht

Als vergleichsweise wenig problematisch gelten zum Beispiel Schulen und Kitas. Zumindest bis jetzt ist das so. Und auch Verkehrsmittel wie die Bahn kommen in den Statistiken extrem gut. weg. Letzteres könnte aber auch ein trügerisches Bild sein. „In einigen Umfeldern, beispielsweise im Bahnverkehr, lassen sich Ausbrüche nur schwer ermitteln, da in vielen Fällen die Identität eines Kontaktes im Nachhinein nicht mehr nachvollziehbar ist. Diese könnten deshalb hier untererfasst sein“, warnt das RKI.

Festzuhalten bleibt aber: DEN einen Schuldigen für den aktuell so starken Anstieg der Corona-Zahlen gibt es nicht. Wir alle haben daran Anteil, vor allem, weil wir über den Sommer die Zahl unserer sozialen Kontakte im Schnitt wieder deutlich erhöht haben. So konnte sich der Erreger gut im Land verteilen, auch wenn das lange Zeit unter dem Radar blieb. Jetzt sehen wir das Ergebnis.

Der Virologe Christian Drosten von der Charité in Berlin hat das Problem vor einiger Zeit wie folgt illustriert: Stellen wir uns einen mit Kaffeepulver gefüllten Kaffeefilter vor, so einen etwas altmodischen, keine moderne Espressomaschine oder so. In den Filter gibt man schwallweise Wasser. Doch zunächst passiert gar nichts: Man kippt Wasser rein, aber unten kommt kein Kaffee raus.

Das Kaffeepulver wird mehr und mehr durchfeuchtet, aber wir sehen das von außen nicht. Auffällig wird das ganze erst, wenn der Filter komplett durchgeweicht ist und der Kaffee dann durchläuft. So sei das auch mit den Corona-Infektionen, so Drosten: „Und schlagartig sehen wir: Jetzt wird es jeden Tag mehr an Meldezahlen. Wir wissen gar nicht, was sich geändert hat, aber es wird einfach immer mehr.“

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 24. Oktober 2020 | 10:40 Uhr

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