Corona-Lockdown: Wie belastend ist die Situation für Jugendliche?

Teenager brauchen soziale Kontakte – vermutlich sogar mehr als jede andere Altersgruppe. Seit Wochen hocken viele Jugendliche wegen des Lockdowns zu Hause. Ein Ende ist nicht absehbar. Wie es ihnen geht, haben wir u.a. bei Facebook gefragt.

Anika
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In Sachsen gehen die Abschlussklassen wieder in die Schule – doch der überwiegende Teil der Schüler sitzt nach wie vor zu Hause. Sie dürfen maximal einen Freund treffen, Hobbys und Partys fallen weg, die Zeit am Rechner mit Computerspielen hat deutlich zugenommen – eine äußerst schwierige Zeit für Jugendliche. Das bestätigen auch die Facebook-Kommentare, die ihr uns schickt.

So schreibt Papa Uwe Herziger:

Ich bin alleinerziehender Vater. Mein Sohn ist 12. Was die Schule betrifft, fehlt ihm total die Motivation und ich weiß auch echt nicht mehr wie ich ihn animieren könnte etwas mehr zu tun. Ihm fehlen seine Kumpels, sein Training im Verein.... Ich arbeite selbst in der Pflege und auch mir fehlt oft die Kraft ihm zu helfen oder auch die passenden Worte, um ihn aufzumuntern. Wie auch - mir geht es ja selber alles auf den Sack und auch ich zweifle inzwischen daran, dass das lernen allein zuhause sinnvoll ist.

Emotionsforscherin Carlotta Welding erklärt im Interview mit dem Wochenmagazin ZEIT, dass eine plötzliche charakterliche Veränderung ein Signal sein könne, dass es dem Jugendlichen nicht gut geht. Spätestens dann ist miteinander sprechen wichtig. Es müssten keine allabendlichen Gesprächskreise werden. Es reiche schon, die Kinder zu fragen, wie es ihnen geht.

Teenager haben mehr Ängste

Ramona Weiß schreibt bei Facebook:

… Ich merke wie ihr Freude und Leichtigkeit verloren geht und die Angst vor der Zukunft (weiterführender Abschluss und Ausbildung) steigt ... Es ist als Jugendliche auch nicht normal so viel Zeit mit der Mutter zu verbringen und hätte mich in dem Alter auch genervt. Ich denke es ist für jedes Alter schwierig und es wird psychisch noch einiges nach kommen aber das will ja keiner hören.

Tatsächlich haben Medizinern zufolge im zweiten Lockdown psychische Ängste von Kindern und Jugendlichen zugenommen. Julian Schmitz, Leiter der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz für Kinder und Jugendliche an der Uni Leipzig, sagt, dass vor allem Kinder mit psychischen Vorbelastungen, sowie Kinder von Eltern mit psychischen Problemen betroffen seien. Besonders häufig käme es zu Zwangs- und Essstörungen.

Weniger ist mehr in der Corona-Krise

Viele Eltern schreiben bei Facebook, dass das Homeschooling anstrengend ist, dass die Kinder kaum etwas lernen, mit den Aufgabenstellungen überfordert sind. In diesem Punkt versucht Emotionsforscherin Welding die Eltern zu beruhigen. Es sei klar, dass sie die Lehrer nicht ersetzen können. Auch sollte man hinnehmen, dass die Kinder etwas weniger lernen, vielleicht schlechtere Hausaufgaben machen als sonst. Aber wir sind in einer Krisensituation, die kein lebender Mensch so schon erlebt hat. Es könne nicht der Anspruch sein, dass alles genauso gut und reibungslos läuft wie sonst.

Haltung der Eltern wichtig

Stattdessen spielt das Verhalten der Eltern eine entscheidende Rolle. Das färbt auf die Kinder ab – nicht nur in der Corona-Pandemie. Erziehungsberaterin Jana Strahl aus Magdeburg sagt, wenn Eltern immer nur meckern, weil sie vielleicht mit den Corona-Maßnahmen nicht einverstanden sind, könnten sie auch nicht von ihren Kindern erwarten, dass die entspannt mit der Situation umgehen. Strahl gibt im MDR JUMP-Gespräch ein paar Tipps, wie man mit den Jugendlichen die Lage bewältigen kann

1. Verständnis entwickeln und zeigen

Wenn Junior die ganze Zeit am Handy hängt, dann weil er oder sie ein soziales Grundbedürfnis stillt, das die Eltern nicht mehr erfüllen können. Eltern sind in der Pubertät nicht mehr die wichtigsten Bezugspersonen, Kumpels und Freundinnen übernehmen diesen Part. Wichtig sind hier Eltern, die das verstehen und sich entsprechend verhalten (also nicht wegen des Dauertelefonierens herummeckern).

2. Gespräch suchen und zuhören

Wie bereits erwähnt, sind Gesprächsangebote ganz wichtig, auch wenn die Jugendlichen nicht gleich darauf eingehen. Signalisiere deinem Pubertier, dass die Tür immer offen steht und wenn er/sie dann kommt, höre aufmerksam zu.

3. Nicht sofort Lösungen anbieten

Erwachsene holen gern schnell den Werkzeugkoffer raus und basteln Lösungen zurecht. Vor allem, wenn es dem eigenen Kind schlecht geht. Das solltest du vermeiden. Lass deinem Teenager Raum, eigene Lösungen zu entwickeln. Akzeptiere diese auch dann, wenn sie vielleicht nicht unbedingt deinen eigenen Vorstellungen entsprechen.  

4. Authentisch sein

Es ist Quatsch, dem verunsicherten Jugendlichen Optimismus vorzuspielen, wenn du selbst Ängste hast. Besser ist zugeben: Auch ich bin unsicher, weiß nicht genau, wie es weitergeht und wie lange diese Situation noch andauert. Das kann deinem Kind helfen, weil es sieht: Ich bin nicht komisch. Auch meine Eltern sind mit dieser Situation überfordert.

Jana Strahl bietet ab Mitte Februar im Auftrag des Bistums Magdeburg die nächsten Online-Elternkurse an. Unter dem Motto "Kess-erziehen" gibt es Tipps für alle Altersgruppen.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Feierabendshow | 19. Januar 2021 | 15:10 Uhr

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