MDR JUMP-Talk: "Die Ostdeutschen wissen, wie lang der Weg aus der Krise ist."

Ein paar Wirtschaftszahlen machen Hoffnung, die Ängste im Osten sind größer, einigen Unternehmen geht schon die Luft aus: Das sagten unsere Gäste bei "MDR JUMP – Talk im Osten".

"MDR JUMP - Talk im Osten"
Bildrechte: Hagen Wolf / MDR JUMP

Im Osten sind die Infektionszahlen niedriger. Viele Menschen haben in den Jahren nach der Wende schon mit großen Problemen gekämpft und sind so vielleicht besser auf Krisen vorbereitet. Doch die Wirtschaft ist schwächer und kleinteiliger und hat weniger Rücklagen für die Corona-Einschränkungen. Der Tourismus in vielen mitteldeutschen Regionen musste schon hart kämpfen. Kommt der Osten damit besser oder schlechter durch die Krise als der Westen? Darüber haben am Donnerstagabend in Halle MDR JUMP Morningshow-Moderatorin Sarah von Neuburg und Co-Moderator Christian Bollert von der Initiative #wirsindderOsten mit namhaften Gästen gesprochen.

"Wir fühlen uns von der Politik im Stich gelassen!"

Schwarzes Hemd, schwarze Hose: Matthias Winkler aus Halle trägt bei der MDR JUMP-Talkshow Kleidung, die zu seiner Stimmung passt: Winkler leitet die Konzertagentur MAWI, die Bands wie Depeche Mode, a-ha oder Scooter auf die Bühnen hier holt und Zehntausende Fans begeistert. Doch in den letzten Monaten lag alles komplett brach, erzählt Matthias Winkler:

Matthias Winkler von Mawi
Bildrechte: Hagen Wolf / MDR JUMP

Ich glaube heute vor vier Monaten kam sozusagen das Berufsverbot. So will ich es mal nennen. Der gesamten Branche wurde die Existenzgrundlage entzogen, das hält bis heute an. Und ja, wir fühlen uns natürlich irgendwie auch von der Politik alleingelassen. Es gibt bislang keinerlei Hilfen.

Vielen Ost-Unternehmen wie MAWI fehlten Rücklagen, um mehr als ein paar Monate zu überbrücken. Die Hilfe vom Staat decke gerade die Festkosten für einen Monat. 250.000 Menschen arbeiteten in Deutschland in der Veranstaltungsbranche und erwirtschafteten neun Milliarden Euro Umsatz. Doch die über 14.000 Betriebe seien oft zu klein, um wirklich gehört zu werden, so Matthias Winkler. Schon jetzt seien die ersten Unternehmen ganz kurz vor dem Abgrund und es sei nicht absehbar, wie lange die aktuelle Lage noch anhalte.

MDR JUMP - Talk im Osten: Gäste und Moderatoren

Moderatoren und Gäste im "MDR JUMP - Talk im Osten"
Petra Köpping. Seit 2019 sächsische Staatsministerin für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt, zuvor Gleichstellungs- und Integrationsministerin in Sachsen, 2009 - 2019 SPD-Landtagsabgeordnete im sächsischen Landtag Bildrechte: Hagen Wolf / MDR JUMP
Moderatoren und Gäste im "MDR JUMP - Talk im Osten"
Petra Köpping. Seit 2019 sächsische Staatsministerin für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt, zuvor Gleichstellungs- und Integrationsministerin in Sachsen, 2009 - 2019 SPD-Landtagsabgeordnete im sächsischen Landtag Bildrechte: Hagen Wolf / MDR JUMP
Moderatoren und Gäste im "MDR JUMP - Talk im Osten"
Marco Wanderwitz. Seit Februar 2020 Ostbeauftragter der Bundesregierung und Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie, seit 2018 Vorsitzender der CDU-Landesgruppe Sachsen im Bundestag Bildrechte: Hagen Wolf / MDR JUMP
Moderatoren und Gäste im "MDR JUMP - Talk im Osten"
Valerie Schönian. Journalistin und Autorin, schreibt seit 2017 für die ZEIT Bildrechte: Hagen Wolf / MDR JUMP
Moderatoren und Gäste im "MDR JUMP - Talk im Osten"
Matthias Winkler. Langjähriger Geschäftsführer der Leipziger Konzertagentur MAWI Bildrechte: Hagen Wolf / MDR JUMP
Moderatoren und Gäste im "MDR JUMP - Talk im Osten"
MDR JUMP Morningshow-Moderatorin Sarah von Neuburg Bildrechte: Hagen Wolf / MDR JUMP
Moderatoren und Gäste im "MDR JUMP - Talk im Osten"
Christian Bollert von der Initiative #wirsindderOsten, Geschäftsführer von detektor.fm. Bildrechte: Hagen Wolf / MDR JUMP
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Dieses Thema im Programm MDR JUMP - Talk im Osten | 09. Juli 2020 | 20:00 Uhr

Gemeinsame Studie zu Großveranstaltungen im August in Leipziger Arena

Sachsens Sozialministerin Petra Köpping will da zumindest etwas Hoffnung machen. So prüfe Sachsen, ob bald schon wieder Großveranstaltungen möglich sind. Zudem sei eine Studie mit 4.000 Teilnehmern zu Großveranstaltungen geplant.

Sachsens Sozialministerin Petra Köpping (SPD) bei "MDR JUMP - Talk im Osten"
Bildrechte: Hagen Wolf / MDR JUMP

Wir wollen sehen, unter welchen Umständen wir eben Großveranstaltungen machen können. Die Studie werden wir nächste Woche vorstellen. Die machen wir, damit man eben nicht leichtfertig Entscheidungen absagt oder trifft. Dass man eine wissenschaftliche Grundlage dafür hat.

Die Studie führt die Universitätsmedizin Halle (Saale) am 22. August in der Quarterback Immobilien Arena in Leipzig durch und sucht dafür noch Freiwillige. Sachsens Sozialministerin weist im MDR JUMP-Talk auch auf die Zahlen hin, die Hoffnung machen, dass der Osten gut aus der Krise kommt: In Sachsen etwa sei die Arbeitslosigkeit zuletzt nur ganz leicht gestiegen, von 5,4 auf 6,4 Prozent. Zudem ist die Wirtschaftsleistung im Osten laut Ifo-Institut insgesamt weniger stark eingebrochen als im Westen:

Da sind wir wieder bei der kleinteiligen Wirtschaft, die eben nicht ganz so exportabhängig ist wie in Westdeutschland. Was vielleicht an der Stelle ein kleiner Vorteil sein kann.

"Was für eine Krise? Es waren halt sechs Wochen die Nudeln aus!"

In der Talkrunde in Halle wird auch lange über die Frage diskutiert, ob Ostdeutsche wegen der Wende vielleicht krisenerprobter sind und so jetzt besser durch die harten Zeiten kommen. Das Argument: Schon einmal erlebt zu haben, wie sich beinah täglich politische Entscheidungen ändern, die eigene Zukunft nicht sicher ist und gleichzeitig Berufe weitergeführt werden müssen, helfe dabei, auch heute solidarisch zu bleiben. Der Ostbeauftragte der Bundesregierung Marco Wanderwitz (CDU) sagt:

Marco Wanderwitz bei "MDR JUMP - Talk im Osten"
Bildrechte: Hagen Wolf / MDR JUMP

Ich glaube schon, weil man natürlich sturmerprobter ist. Und auf der anderen Seite stecken einem natürlich die Krisen, durch die man schon mal durchmusste in anderer Form, auch irgendwo in den Knochen. Da ist das Problem, dort sozusagen einen positiven Drive rauszukriegen. Das ist für uns alle eine große Herausforderung.

Aus Sicht von Petra Köpping seien die Menschen in den ostdeutschen Bundesländern zwar mehr an die Probleme gewöhnt, die aktuell gerade auftreten. Allerdings schafften die Menschen so etwas nur ein- oder maximal zweimal.

Deshalb ist auch die Sorge, sind auch die Ängste bei den Ostdeutschen besonders groß. Weil die wissen, wie lange man braucht, um aus einer Krise zu kommen.

Valerie Schönian hat bei ihren Gesprächen beides gehört, erzählt sie: Menschen, die Angst haben und andere, die sich gar keine Sorgen machen.

Auf der einen Seite ist man dadurch unsicherer vielleicht, weil man jetzt schon wieder eine Krise stemmen muss. Aber mir hat erst jemand gesagt: Was für eine Krise? Waren halt sechs Wochen die Nudeln aus!

Wie entwickelt sich die Situation im Herbst?

Wie sich der Osten in der Corona-Krise wirklich entwickelt, das kann und will keiner der Gäste von "MDR JUMP - Talk im Osten" sagen. Es sei eben völlig offen, ob nach der Urlaubssaison mit Reisen quer durch Deutschland und ins Ausland beispielsweise die Infektionszahlen im Osten weiter so niedrig bleiben wie jetzt. An diesem Punkt sagt Marco Wanderwitz auch noch etwas zur Maskenpflicht. Länger als eine Woche wurde darüber diskutiert, ob die mit Blick auf die niedrigen Infektionszahlen etwa in Sachsen aufgehoben werden könnte. Am Ende entschieden alle Gesundheitsminister gemeinsam: Die Maskenpflicht bleibt. Marco Wanderwitz dazu:

Wir müssen uns ein Stück weit entscheiden. Wenn wir jetzt den Inlandstourismus zulassen und Deutschland einmal durchmischen über den Sommer. Da müssen wir schon etwas aufpassen, wie eng wir zueinander gehen.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP-Talk im Osten: Wie gut kommen wir aus der Corona-Krise? | 09. Juli 2020 | 20:00 Uhr

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