Lockdown verlängern oder deutlich lockern – Wissenschaftler sind uneins

Der Lockdown soll mit wenigen Ausnahmen bis kurz vor Ostern verlängert werden. Einige Experten finden das gut, andere meinen, das muss und sollte nicht sein.

Ein mit Wünschen beschriebenes Laden-Schaufenster in der Innenstadt von Erfurt.
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Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) heute mit den Ministerpräsidenten der Länder über die Corona-Maßnahmen berät, gibt es zwei Herausforderungen: Einerseits hat das Sinken der Infektionszahlen in den vergangenen Wochen breite Hoffnungen und Erwartungen auf ein schrittweises Ende des Lockdowns geweckt. Andererseits sind die Zahlen in den vergangenen Tagen wieder angestiegen, auch wegen der Virus-Varianten. Es gibt viele Fragezeichen und auch Wissenschaftler sind uneins.

Drosten für Lockdown-Verlängerung

Der Virologe Christian Drosten meint, dass Deutschland am Beginn der dritten Welle steht. Grund sei die rasche Ausbreitung der ansteckenderen Virusvarianten, der mit den bisher eher langsam ablaufenden Impfungen nicht ausreichend begegnet würde. Vor allem geht es um die in Großbritannien entdeckte Mutante B.1.1.7. Drosten schätzt deren Anteil an den Infektionen in Deutschland inzwischen auf ungefähr die Hälfte – und der Anteil werde weiter steigen, so der Virologe. Lockerungen würden bedeuten, dass die Fallzahlenkurve wieder steil nach oben gehen könnte.

Auch Intensivmediziner wollen weiteren Lockdown

Unterstützung bekommt Drosten von den Intensivmedizinern. Sie begrüßen die geplante Verlängerung des Lockdowns als notwendige Entlastung des deutschen Gesundheitssystems. Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmediziner (DIVI) sagte der "Augsburger Allgemeinen":

Es ist wichtig, dass wir noch drei Wochen durchhalten, weil wir durch das Impfen vieler Menschen trotz der Virusmutationen eine dritte Welle deutlich abflachen können. Wir gewinnen dadurch wertvolle Zeit. Wer geimpft ist, kommt nicht auf die Intensivstation.

Im schlimmsten Fall könnten Lockerungen im März demnach dazu führen, dass Mitte Mai bis zu 25 000 Intensivpatienten durch Covid-19 zu versorgen wären, eine nicht mehr zu bewältigende Anzahl. Nicht berücksichtigt ist in der Berechnung die offene Frage, ob die wärmere Jahreszeit die Ansteckungsfähigkeit der Mutante möglicherweise dämpft.

Lauterbach fordert Lockdownende

Karl Lauterbach, SPD
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SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach plädiert dagegen für Öffnungsschritte, wenn diese mit einer Teststrategie abgesichert seien. Das sagte er in der ARD-Sendung "Hart aber Fair". Statt einer Lockdownverlängerung solle man auf regelmäßige Tests umschwenken – vor allem in Schulen und Betrieben. Mehrere Wissenschaftler aus Epidemiologie, Informationstechnologie und Wirtschaftsforschung hatten auf Bitte der SPD ein Test-Konzept erarbeitet: Pro Tag sollten in Deutschland 8,5 Millionen Tests gemacht werden. Ein Digital-Zertifikat soll dann frisch Freigetesteten erlauben, sich einige Stunden frei zu bewegen und an wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und sportlichen Aktivitäten teilzunehmen.

Lockdown für Kinder nicht länger zumutbar

Auch der Hirnforscher Gerald Hüther hat sich aktuell zu Wort gemeldet. Er erhofft sich von den Bund-Länder-Beratungen Lockerungen insbesondere für Kinder, sagte er im WDR:

Prof. Gerald Hüther von der Universität Göttingen
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Wir können nicht den Kindern länger zumuten, was wir hier machen. Das ist eigentlich unbegreifbar, wie es eine Erwachsenengeneration fertigbringt, den Kindern solche Auflagen vorzugeben.

Kinder könnten dies nur erfüllen, wenn sie ihre eigene Lebendigkeit und ihre Bedürfnisse unterdrücken. Im Hirn bildeten sich dadurch Veränderungen, bleibende Schäden wären die Folge, warnte der Neurobiologe. Das zeige sich jetzt schon. Die Kinderärzte und Jugendpsychiater würden Alarm schlagen.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Nachrichten | 03. März 2021 | 10:00 Uhr

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