Warum man sich nicht absichtlich mit dem Corona-Virus anstecken sollte

17.03.2020 | 14:27 Uhr

Das klingt beim ersten, schnellen Hinhören logisch: Wer sich jetzt absichtlich mit dem neuartigen Coronavirus ansteckt, hat das Ganze hinter sich. Wer immun ist, kann seiner Familie oder Freunden helfen. Mediziner warnen dringend vor sogenannten Corona-Partys.

In Tübingen gibt es auf dem Festplatz einen Corona-Drive-In: Eine Ärztin entnimmt durchs Autofenster eine Speichelprobe
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Es müsse Menschen geben, die den Coronavirus bereits hatten und damit "immun" sind: Das sagte der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Reiner Eichenberger vor einigen Tagen in einem Zeitungsinterview. Es sei möglicherweise richtig, dass sich unter 65-Jährige möglichst schnell infizieren, 14 Tage zuhause bleiben und dann wieder arbeiten. Mit dieser Sicht steht er im absoluten Widerspruch zu dem, was in Deutschland das Robert Koch-Institut oder das Bundesgesundheitsministerium raten: Bitte unbedingt Abstand halten, alle nötigen Schutzregeln gegen eine Infektion einhalten und so gefährdete Menschen schützen.

Gesunde und Erkrankte absichtlich zusammenbringen

Impfpass mit Spritze
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Aktuell haben sich in Deutschland offiziell mehr als 6.000 Menschen mit dem Coronavirus infiziert (offizieller Stand laut RKI vom 16. März, 15.00 Uhr). Stand jetzt müssen fünfhundert Menschen wegen Covid-19 im Krankenhaus behandelt werden. Die Idee, sich absichtlich mit einem möglicherweise gefährlichen Virus anzustecken, ist auch nicht komplett neu: Anfang der 2000er waren in Großbritannien so genannte Masern-Partys verbreitet, auf denen Eltern ihre gesunden Kinder mit infizierten Kinder zusammenbrachten. Mit Blick auf die kommende Masern-Impfpflicht wurde darüber in den letzten Jahren auch in Deutschland heftig diskutiert.

"Ich kann nicht wissen, ob meine Erkrankung wirklich milde verläuft"

Die Idee mit der absichtlichen Coronainfektion klinge nur in der Theorie gut, sagt Dr. Ursula Marschall. Sie leitet den Forschungsbereich "Medizin- und Versorgungsforschung" bei der gesetzlichen Krankenkasse BARMER. Niemand wisse sicher, ob die Covid-19-Erkrankung bei ihm oder ihr wirklich milde verlaufe. Auch junge, sportliche Menschen könnten sich darauf nicht verlassen. So ist in China der nur 34 Jahre alte Augenarzt Li Wenliang an den Folgen von SARS-CoV-2 verstorben. Er war weltweit bekannt geworden, weil er anders als die Regierung Chinas sehr zeitig über die Viruswelle berichtet hatte.

Dr. Ursula Marschall, leitende Medizinerin bei der BARMER
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Habe ich nicht doch irgendeine Vorerkrankung, angefangen vom leichten Asthma bei Allergien wie Heuschnupfen? Die Heuschnupfensaison ist schon da. Das alles sind potentielle Risikofaktoren und davon wissen nicht alle. Auch wenn ich rauche, gehöre ich eindeutig zu den Risikopatienten. Genau jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, endgültig mit dem Rauchen aufzuhören.

Ist man danach wirklich immun?

Zurzeit ist auch nicht wirklich sicher, dass alle Menschen nach einer Infektion immun gegen den Coronavirus sind. Unsere Expertin verweist auf die Grippeviren, die sich auch jede Saison verändern. Derzeit wisse niemand, wie sich das neuartige Coronavirus verhält.

Dann bin ich nach einer Infektion vielleicht gegen Covid-19 immun, aber was ist mit Covid-20 oder Covid-21?

Überlastung von Krankenhäusern möglichst vermeiden

Die Expertin weist auch noch einmal auf das hin, was Virologen und Gesundheitsbehörden seit Tagen immer wieder erklären: Beim Kampf gegen den Coronavirus geht es derzeit darum, dessen Ausbreitung weitestgehend abzubremsen. Sonst könnte die Zahl der Menschen rasant steigen, die schwer erkranken und deshalb auf der Intensivstation versorgt werden müssen. Die Verhaltensregeln dafür werden in sozialen Netzwerken als #flattenthecurve (auf deutsch: "die Kurve abflachen") zusammengefasst. Ursula Marschall sagt:

 Leeres Patientenbett, bereit für die Aufnahme eines Patienten.
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Wenn wir einen Ansturm an Patienten haben, die wegen schwerer Verläufe dringend beatmet werden müssen, sind die Betten der Intensivstation voll. Was passiert dann mit den Patienten, die einen schweren Unfall haben? Lassen wir die sterben oder stirbt der Patient mit dem Coronavirus?

Virologen raten dringend von Corona-Partys ab

Auch das Robert Koch-Institut warnt davor, das eigene Ansteckungsrisiko für den Coronavirus zu erhöhen und rät dringend von "Coronapartys" ab. Wer sich dort ansteckt, zeigt nicht sofort Krankheitssymptome und bleibt vielleicht auch nicht gleich zu Hause. Der Virus wird dann aber bereits verbreitet und möglicherweise an ältere und geschwächte Menschen weitergegeben. Christian Drosten von der Berliner Charité sagte in seinem täglichen Podcast auf NDR:

Wenn jetzt die Masernpartys wieder losgehen, dann hat unsere Gesellschaft versagt. Dann sind wir eine verfehlte Gesellschaft von Egoisten.

Möglichst nur die eigenen Kinder betreuen

Die Kindergärten und Schulen sind weitestgehend geschlossen. Das stellt viele Eltern vor ein echtes Problem: Sie müssen eine Lösung finden, wie sie arbeiten und ihre Kinder betreuen können. Dafür schließen sich auch Freunde und Nachbarn zusammen und passen dann im Wechsel auf den Nachwuchs auf. Aus Sicht von Medizinern ist das sehr verständlich. Sie sehen aber ein zusätzliches Ansteckungsrisiko. Medizinerin Ursula Marschall rät daher, die Betreungsgruppen möglichst klein zu halten.

Kinder mit Mundschutz
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Sonst potenzieren wir das Ansteckungsrisiko, weil der Virus hochinfektiös ist. Wenn ein Kind das hat, steckt das die anderen Kinder an. Und die stecken auch ihre Eltern an und die infizieren dann vielleicht die Kollegen oder Mitreisende im Zug.

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Dieses Thema im Programm Die MDR JUMP Feierabendshow | 17. März 2020 | 14:40 Uhr

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