Warum sich gerade Halbwissende für sehr schlau halten

Es ist ein psychologischer Effekt mit potenziell gefährlichen Folgen: Wer nicht weiß, weiß dummerweise auch nicht, dass er nichts weiß. Wie lässt sich das Dilemma lösen? Psychologen haben einige Tipps.

Spiegel mit Schachfiguren
Bildrechte: IMAGO / Steinach

An Til Schweiger scheiden sich die Geister. Millionen Menschen haben seine Kinofilme wie „Keinohrhasen“, „Kokowääh“ und „Honig im Kopf“ gesehen und ihn als Nick Tschiller im Hamburger Tatort bewundert. Nicht wenige andere wiederum finden seine schauspielerischen Leistungen dagegen sehr überschaubar. Sie stören sich auch an seiner - ihrer Ansicht nach - genuschelten Aussprache.

Zuletzt sorgte Schweiger mit einem Auftritt in einem österreichischen Dokumentarfilm für Schlagzeilen. In dem Werk namens "Eine andere Freiheit" geht es um die vermeintlichen Risiken einer Corona-Impfung für Kinder. Und die Sätze, die Schweiger in dem Film sagt, zeigen nach Ansicht von Kritikern eine Nähe zur Querdenken-Bewegung. Unter anderem geht es dabei um den Punkt, dass der Filmstar behauptet, die Impfung sei „nicht erforscht“. Das ist faktisch falsch.

Der Journalist und Autor Lorenz Meyer, einer der Kritiker, erklärte daraufhin, Schweiger liefere ein „tolles Beispiel für den Dunning-Kruger-Effekt ab: Die 'kognitive Verzerrung im Selbstverständnis inkompetenter Menschen, das eigene Wissen und Können zu überschätzen'“.

Und genau diesen hochspannenden Effekt wollen wir uns heute einmal näher ansehen – denn er kann das Leben von jeder und jedem von uns beeinflussen. Gut also, wenn man ihn kennt – und weiß, wie man im Zweifel gegensteuern kann.

Entdeckt wurde der Effekt 1999, bekannt ist er schon länger

Benannt ist das Phänomen nach den US-Sozialpsychologen David Dunning und Justin Kruger. Die hatten es 1999 zum ersten Mal beschrieben, nachdem sie Studenten der Cornell University im US-Bundesstaat New York Logik- und Grammatiktests vorgesetzt hatten. Dabei kamen sie zu ihrem interessanten Befund, der im Grundsatz auch schon früher in der Literatur beschrieben wurde, wenngleich vielleicht nicht so klar benannt.

Populär ausgedrückt besagt der Effekt, dass inkompetente Menschen ihre eigenen Fähigkeiten auffällig oft überschätzen – während sie gleichzeitig die Leistungen kompetenterer Menschen unterschätzen. Besonders problematisch dabei ist den Forschern zufolge, dass diesen Menschen das Problem noch nicht einmal bewusst ist.

Wir alle kennen Beispiele

Und wenn man mal darüber nachdenkt, fallen einem viele Beispiele im Alltag ein: Die 83 Millionen Fußballbundestrainer, die nach jedem Spiel der Nationalmannschaft natürlich ganz genau wissen, wie man es hätte besser machen müssen. Oder die Fahr- oder Berufsanfänger, die kurze erste Einblicke mit lebenslanger Erfahrung verwechseln – und dann zur Gefahr für sich und andere werden können. Und dann gab es da ja noch diesen US-Präsidenten, ihr wisst schon.

Wer sich leicht selbst überschätzt, der ist eher erfolgreich, weil er auch Aufgaben angeht, die er nach realistischer Einschätzung vielleicht gar nicht angegangen hätte.

so hat der Sozialpsychologe Hans-Peter Erb von der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr in Hamburg die Sache erklärt. Wir alle hätten außerdem ein positives Selbstbild, das wir aufrechterhalten wollten.

Interessant ist dabei, dass Menschen sich oft nicht nur im positiven Sinne überschätzen – sondern auch ihren Beitrag zum Scheitern einer bestimmten Sache überbewerten. Weil sie sich eben für wichtiger halten als sie tatsächlich sind. Evolutionär macht das ja auch Sinn: Wer viel von sich hält, passt besser auf sich auf – und überlebt.

Lösungen existieren

Was kann man nun aber tun, um eine Spirale der Inkompetenz zu verhindern? Im schlechtesten Fall würde die Sache ja immer weitergehen, weil die Ahnungslosen so ahnungslos sind, dass sie sich noch nicht einmal Hilfe holen. Weil sie sich selbst überschätzen erkennen sie nicht die Kompetenz anderer Menschen.

Los geht es mit uns selbst – und mit der Erkenntnis, dass wir uns unseren unbewussten Hang zur Selbstüberschätzung bewusst machen müssen. Wir können uns eben nicht immer auf unser Bauchgefühl und unseren vermeintlich so blitzgescheiten Verstand verlassen.  Klingt doof, ist aber so.

Helfen kann zum Beispiel Feedback von anderen. Die liegen mit ihrer Einschätzung auch nicht immer richtig, helfen aber, Selbst- und Fremdbild abzugleichen. Und wenn man so etwas zum Beispiel in der eigenen Firma etablieren kann, dann bringt das auch Chefs etwas, die dieses Problem ja auch haben. Sie können sich von ihren Mitarbeitern Feedback einholen – und dann die eigenen Entscheidungen noch einmal durch die Augen von anderen sehen. Und wenn nötig hinterfragen und korrigieren, ohne das Gesicht zu verlieren.

Und dann gibt es ein ganz klassisches Medikament gegen Dummheit: Wissen. Das sorgt für mehr Ahnung und im Idealfall weniger Problemen mit Dunning und Kruger. Aber auch dabei ist es wichtig, sich eben nicht selbst zu überschätzen.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 11. September 2021 | 11:40 Uhr

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