Ein Freigetränk vom Wirt steigert das Trinkgeld

Ein Schnaps oder eine Süßigkeit „aufs Haus“ – wer kann das schon ausschlagen? Restaurants können solche Nettigkeiten gezielt einsetzen, um das Trinkgeld zu erhöhen. Wir haben uns die Sache mal genauer angesehen.

Trinkgeld liegt neben einer leeren Kaffeetasse.
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Stellt euch folgende Szene vor: Eine laue Sommernacht bei uns in der Region, ihr geht mit Eurem Herzensmenschen essen – und die Rechnung über, sagen wir, 50 Euro kommt. Ganz Gentleman oder -woman übernehmt ihr die Kosten für den schönen Abend. Doch eine Frage steht im Raum: Wieviel Trinkgeld solltet ihr geben? Bei einer repräsentativen Umfrage sagten Dreiviertel der Befragten: Sie würden zwischen zwei und fünf Euro geben.

Nun könnte man darüber nachdenken, warum wir Servicepersonal in der Gastronomie zwar was draufzahlen, Handwerkern aber normalerweise nicht – dabei verdienen beide Gruppen oft nicht üppig. Aber das ist noch einmal ein anderes Thema. Ihr entscheidet Euch also für einen Betrag – und dann fangt ihr an, darüber nachzudenken: War das jetzt zu wenig? Oder zu viel?  Eine neue Studie deutscher Forscher zeigt nun, dass Wirte ihr Trinkgeld mit einem Trick nach oben treiben können – wenn sie ihren Gästen zum richtigen Zeitpunkt einen Schnaps „aufs Haus“ ausgeben.

Tests in Norddeutschland

Frederic Hilkenmeier und sein Kollege Sascha Hoffmann von der Hochschule Fresenius in Hamburg berichten im Fachmagazin „Journal of Hospitality & Tourism Research“ von einem Feldversuch in zwei norddeutschen Restaurants, einem Griechen und einem traditionell deutschen Lokal. Die Sache lief so ab: Manchmal bekamen die Probanden den Gratisdrink während des Essens, manchmal mit der Rechnung – und manchmal erst nach dem Bezahlen. Dann schauten die Forscher, wie sich das auf die Höhe des Trinkgeldes auswirkte.

Dabei zeigte sich: Beim Griechen, zum Beispiel, gaben die Gäste im Schnitt etwa 8 Prozent Trinkgeld. Doch im Detail unterschied sich der Wert je nach Zeitpunkt: Kam der kostenlose Ouzo zum Essen, gab es 7,8 Prozent mehr. Wurde das Getränk zusammen mit der Rechnung gebracht, schnellte der Wert auf 8,6 Prozent hoch. Doch wurde der Schnaps erst nach begleichen der Rechnung gereicht, lag der Aufschlag nur bei 7,1 Prozent.

Wichtig ist also das Timing. Im Restaurant mit traditioneller deutscher Küche zahlten die Gäste im Schnitt sogar 8,8 Prozent mehr, wenn sie ein Freigetränk mit der Rechnung bekamen.

Es muss nicht immer Alkohol sein

Hinter dem beobachteten Effekt vermuten die Forscher das so genannte Prinzip der Reziprozität. Das heißt: Wer von anderen großzügig behandelt wird, will selbst auch großzügig sein. Das gehört sich einfach so.

Kellnerinnen und Kellner könnten ihren Lohn deutlich steigern, wenn sie ihren Kunden kleine Geschenke machen

so die Autoren. Es müsse im Übrigen kein Alkohol sein - auch mit einer kleinen Süßigkeit sei der beobachtete Effekt zu erreichen.

Wie ihr jetzt mit dieser Information umgeht, bleibt euch überlassen. Kommt nur nicht auf die Idee gar kein Trinkgeld zu geben – selbst wenn ihr nicht so richtig zufrieden gewesen seid. So rät der Soziologe Christian Stegbauer von der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main, dass man sagen sollte, was einem nicht gepasst hat - und dann aber trotzdem Trinkgeld geben. Schließlich wisse man oft nicht, ob man mit der Strafe eines fehlenden Trinkgeldes überhaupt den Richtigen treffe.

Dazu kommt: Die Servicekräfte haben in der Coronazeit entbehrungsreiche Monate hinter sich. Viele von ihnen können euer Trinkgeld auch deswegen besonders gut gebrauchen. Man muss ja weiß Gott nicht so spendabel sein, wie der Besucher eines Jazzclubs im US-Bundesstaat Ohio, der im vergangenen Herbst bei einer Rechnung für ein Bier einen Zuschlag von 3000 Dollar gab, als privates Corona-Hilfspaket sozusagen.

Wie wichtig der kleine Bonus gesamtwirtschaftlich gesehen ist, wird klar, wenn man auf die Statistiken schaut. Denn rechnet man alle Trinkgelder in Deutschland zusammen, kommt man auf eine jährliche Summe von 2,2 Milliarden Euro. Ach ja, eine Sache noch: Versetzen wir uns noch einmal in das Restaurant, von dem ganz am Anfang dieses Textes die Rede war. Wieviel Trinkgeld solltet Ihr nun sinnvollerweise geben? Üblich sind fünf bis zehn Prozent. Bei einer Rechnung von 50 Euro wären das also zwischen 2,50 und 5 Euro.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 25. Juli 2021 | 14:15 Uhr

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