Gibt es mehr als zwei Geschlechter?

Damals im Bio-Unterricht schien die Sache noch ganz einfach: Man musste sich die Chromosomen ansehen. Die Kombination XX stand für weiblich, XY für männlich - und schon war das Geschlecht bestimmt. Doch wie so oft ist es im wahren Leben ein bisschen komplizierter.

Drei Möglichkeiten für einen Geschlechtseintrag - 'W', 'M' und 'X' - sind 2014 auf einem Banner zu sehen.
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Es ist für viele werdende Eltern eine entscheidende Frage: Junge oder Mädchen? Und da, so haben wir es früher jedenfalls gelernt, sollten die Erbanlagen ja eigentlich eine klare Aussage ermöglichen: Die Chromosomenkombination XX bedeutet weiblich, die Kombination XY männlich. Aber so einfach ist es eben nicht.

„Wir wissen heutzutage, dass das chromosomale Geschlecht, die typische Konstellation XX oder XY, weder das äußere Geschlecht noch die geschlechtliche Selbstwahrnehmung eines Menschen eindeutig festlegt“, schreibt auch Olaf Hiort, der Leiter des Hormonzentrums für Kinder und Jugendliche des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein in Lübeck in einem Beitrag für „Spektrum der Wissenschaft“. „Die Gene geben lediglich wieder, welches Potenzial üblicherweise im Bauplan des Menschen ausgeschöpft wird.“

Toilettenschild auf einem Schiff
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Es existieren also, das sei hier vielleicht schon einmal festgehalten, mehr als zwei Geschlechter. Da gibt es nichts zu diskutieren.

Nicht immer sind die Chromosomen zum Beispiel so eindeutig wie im Lehrbuch. Das hat zum einen damit zu tun, dass manchmal zum Beispiel nur ein funktionierendes X-Chromosom alleine in den Körperzellen vorhanden ist. Das wird dann Turner-Syndrom genannt. Ein weibliches äußeres Erscheinungsbild ist die Folge, allerdings können die entsprechenden Menschen keine Kinder bekommen. Die Häufigkeit liegt bei etwa einer von 2500 Geburten. Es gibt aber auch Menschen, mit der Chromosomen-Kombination XXY. Hier spricht man vom Klinefelter-Syndrom, das äußerliche Erscheinungsbild ist männlich. Dieser Fall tritt bei etwa ein bis zwei von 1000 Neugeborenen auf.

Und ein weiterer Umstand macht die Realität noch etwas komplizierter als die Theorie. Das biologische Geschlecht wird nämlich nicht allein von den Chromosomen bestimmt. Gleich mehrere Gene spielen auch eine wichtige Rolle. Sie steuern zum Beispiel, ob sich aus den sogenannten Keimdrüsen eines Babys im Mutterleib nun Hoden oder Eierstöcke entwickeln. Wobei das „oder“ nicht ganz zutrifft, denn auch Kombinationen sind möglich.

Chromosomen, Gene, Hormone – alles spielt zusammen

Fun Fact: In der ersten Zeit haben Embryos noch weibliche und männliche Geschlechtsanlagen - sie sind also alle intergeschlechtlich.

Neben den Genen spielen außerdem noch die Hormone eine entscheidende Rolle bei der Geschlechtsentwicklung. In der 6. und 7. Schwangerschaftswoche beginnt die Ausbildung der geschlechtlichen Anlagen. Beim Jungen entwickeln sich dann die Hoden – und die schütten zwei Hormone aus: Testosteron sowie das so genannte Anti-Müller-Hormon. „Der Clou daran: Jeder Fötus besitzt zunächst die Anlage, eine Gebärmutter zu entwickeln. Durch Ausschüttung des Anti-Müller-Hormons aus dem Hodengewebe wird die Bildung der Gebärmutter unterdrückt. Ist dieser Botenstoff gar nicht oder nicht in ausreichender Menge vorhanden oder wirkt er nicht richtig, kann am Ende trotz sonst männlicher Merkmale eine Gebärmutter entstehen“, so der Mediziner Hiort.

Ähnlich verhalte es sich mit dem Testosteron. Stehe es nicht in genügender Dosis zur Verfügung oder verfehle es seine Wirkung, werde das bei beiden Geschlechtern am Beginn des Embryonalstadiums gleich aussehende Genital nicht zu einem Penis. „Dann entstehen Zwischenformen der Geschlechter, die keinem klar männlichen oder weiblichen Erscheinungsbild entsprechen.“

Wenn das biologische Geschlecht nicht eindeutig zu bestimmen ist, spricht man normalerweise von Intersexualität. Diese Menschen lassen sich nicht in ein Mann-Frau-Schema einordnen. Deswegen kann man sein Geschlecht mittlerweile auch als „divers“ eintragen lassen.

Zwischen 80.000 und 160.000 Menschen in Deutschland könnten zur Gruppe der Intersexuellen gehören. Doch längst nicht jeder hatte bisher ein Interesse daran, seinen Personenstand zu ändern. In Mitteldeutschland zum Beispiel wird die Möglichkeit bisher kaum genutzt. 13 Menschen in Sachsen und jeweils sechs in Sachsen-Anhalt und Thüringen haben den entsprechenden Eintrag vornehmen lassen.

„Intersexuelle Menschen sind in erster Linie Menschen“

Wer die entsprechenden medizinischen Merkmale aufweist, kann sich eben als Mann fühlen, als Frau - oder eben als intersexuell.

Nahaufnahme eines Paares beim Sex.
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„Wenn gleich die Medizin oft schon ab Geburt eines intersexuellen Menschen eine Rolle in seinem Leben spielt, ist die weit überwiegende Mehrzahl der intersexuellen Menschen nicht per se krank oder behandlungsbedürftig“, heißt es beim Bundesverband Intersexueller Menschen. „Intersexuelle Menschen sind in erster Linie Menschen.“ Sie würden von der Medizin jedoch zu „Syndromen“ erklärt. Der Verband sehe intergeschlechtliche Menschen „in erster Linie als natürliche Varianten menschlichen Lebens an“.

Intersexualität, um das auch noch einmal zu sagen, ist etwas grundsätzlich anderes als Transsexualität. Das sind Menschen, bei denen die Selbstwahrnehmung von ihrem biologischen Geschlecht abweicht. Die genauen Ursachen sind nicht bekannt. Bei starkem Leidensdruck ist es möglich, dass Ärzte die Geschlechtsorgane in Richtung des angestrebten Körpers verändern können.

Die Zahl der Inter- und Transsexuellen in Deutschland wird auf insgesamt bis zu eine Million geschätzt. Das Fazit des Mediziners Hiort: „Die biologische Geschlechtsentwicklung ist höchst facettenreich und bislang nur in groben Zügen verstanden.“

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 28. Februar 2021 | 18:10 Uhr

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