Nach Geschlecht getrennter Unterricht? Interview mit dem Grundschulverband

20.02.2020 | 16:14 Uhr

Mathe- und Physikunterricht getrennt für Mädchen und Jungs? Das hat die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Stefanie Hubig, vorgeschlagen. Damit sollen Mädchen leichter für die Naturwissenschaften begeistert werden. Der Deutsche Lehrerverband lehnt den getrennten Unterricht ab. Was halten die Lehrer davon? Thekla Mayerhofer vom Grundschulverband Sachsen-Anhalt steht Rede und Antwort.

Schülerinnen und Schüler im naturwissenschaftlichen Unterricht, die mit Reagenzgläsern experimentieren.
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"Das würde tendenziell wieder zu einem verkrampfteren Verhältnis der Geschlechter führen", sagt Heinz-Peter Meidinger vom Deutschen Lehrerverband. Es geht um den Vorschlag, Mathe und Physik nach Geschlechtern getrennt zu unterrichten. Zu diesem Vorschlag kam die die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) nach einer Sonderauswertung der Pisa-Studie. Sinnvolle Trennung für zielgerichteten Unterricht oder rückwärtsgewandte Rollenmuster? Wir haben mit Thekla Mayerhofer vom Grundschulverband Sachsen-Anhalt über das Thema gesprochen.

MDR JUMP: Frau Mayerhofer, was sagen Sie zu diesem Vorschlag, in einigen Fächern den Unterricht nach Geschlechtern zu trennen?

Thekla Mayerhofer: Also man muss sich da so ein bisschen fragen, welches Bild von der Gesellschaft von morgen die Kultusministerkonferenz vertreten möchte. So ein Vorschlag, ganz klar zu unterteilen in Jungs und Mädchen und was Jungs mögen und was Mädchen mögen, das ist einfach nicht zeitgemäß, zumal wir ja nicht mehr nur zwei Geschlechter haben.

Welche Folgen hätte denn so eine Unterscheidung, die es ja schon vor hundert Jahren mal gab?

Thekla Mayerhofer vom Grundschulverband Sachsen-Anhalt
Bildrechte: Grundschulverband Sachsen-Anhal

Man würde damit ganz klar wieder Stereotypisierungen fördern. Das ist eigentlich das, wovon wir weg kommen möchten. Und wir möchten ja freigeistig sein, flexibel in unseren Köpfen. Wir möchten das dritte Geschlecht zulassen und wir möchten nicht sagen "Mädchen müssen Rosa anziehen, Pferde mögen und jetzt zum Fasching als Prinzessin kommen", sondern "Die Mädchen, die als Ritter kommen, sind genauso okay". Die Mädchen, die als Fußballer kommen, sind auch super. Und die Jungs, die im Prinzessinnenkleid kommen, haben genauso ihre Berechtigung, weil es eben Kinder und Menschen sind. Und nicht "Du musst ein Junge sein, und du musst ein Mädchen sein" und unserem Bild davon entsprechen.

Gibt es denn aber Fächer, wo so eine Unterscheidung zwischen Jungen und Mädchen durchaus sinnvoll wäre? Zum Beispiel im Sportunterricht, wo es unterschiedliche Zielmarken gibt, die beide erreichen müssen.

Es gibt dann Unterschiede in der Bewertung und darin, wie die Leistungen - zum Beispiel im Sport - erbracht werden müssen, aber nicht in den Vorlieben. Also wenn man Schule anders denkt und eher interessenbezogen denkt und sagt, man kann nach Stärken und Schwächen sortieren oder nach Vorlieben so wie das auch im Gymnasium in den Leistungskursen funktioniert, das könnte funktionieren. Dabei sollte aber nicht das Geschlecht das unterscheidende Merkmal sein.

Der Vorschlag der SPD beruht auf der Pisastudie vom Januar. Die zeigt, dass Mädchen, vor allem Lehrer und Ärztin werden und Jungs eher in technische Berufe gehen. Kann man denn beide Seiten für andere Berufe begeistern?

Traurig ist, wenn wir schon so rangehen und sagen "Die Mädchen wollen das, die Jungs wollen das." Damit übertragen wir unsere Erwartungen an die Kinder. Und dann sind zum Beispiel Jungs abgeneigt davon, Grundschullehrer zu werden. Was traurig ist, denn wir brauchen Lehrer, nicht nur Lehrerinnen. In Sachsen-Anhalt gibt es zum Beispiel den Zukunftstag. Das ist eine Initiative des Ministeriums. Da gibt es den "Boys' Day" und den "Girls' Day". Das Ziel dabei ist, die Mädchen für Naturwissenschaften zu begeistern und die Jungs eher für Berufe, in denen sie unterrepräsentiert sind. Da möchte man den Kindern Perspektiven aufzeigen, wie es gehen könnte, ohne sich davon leiten zu lassen, was von ihnen erwartet wird.

Wir hatten über die Möglichkeit unterschiedlicher Bewertungskriterien gesprochen. Gibt es denn tatsächlich unterschiedliche Bewertungen oder den Bedarf für unterschiedliche Bewertungen zwischen Mädchen und Jungen auch außerhalb - wie zum Beispiel im Sportunterricht?

Natürlich kann man dann neurologisch forschen, das ist aber bisher nicht die Grundlage von Bewertungsdifferenzen. Also das ist nicht ausschlaggebend. Man hat solche Dinge aber im Hinterkopf, gerade für die Grundschule: Die Mädchen schreiben schön, die Jungs eher nicht. Die Mädchen schreiben lange Geschichten, die Jungs eher nicht. Das ist aber Quatsch. Also es gibt genügend Beispiele, die genau das Gegenteil beweisen. Und wir tun nicht gut daran, wenn wir Kinder da in ein Raster pressen, aus denen sie ganz schwer wieder rauskommen. Und da versetzen wir sie auch in Zwänge, weil sie eben nicht der Norm entsprechen.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Abend - Die Themen des Tages | 20. Februar 2020 | 19:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Februar 2020, 16:14 Uhr

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