Uralte Paarungsregeln bestimmen unsere Geschichte

Wissenschaftler auch aus unserer Region haben uralte Skelette aus Böhmen untersucht. Dabei zeigte sich, welche strengen Sex-Regeln vor rund 5000 Jahren hier bei uns galten.

Eine Gruppe von Steinzeitmenschen
Bildrechte: IMAGO / Allstar / Mary Evans AF Archive Warner Bros

Heutzutage ist die Sache vergleichsweise einfach: Wenn zwei Menschen sich lieben, können sie als Paar durchs Leben gehen. Und sie können im Rahmen der Gesetze so ungefähr alles miteinander anstellen, worauf beide Lust haben. Die Managerin mit dem Physiotherapeuten, der Feuerwehrmann mit der Musikschullehrerin, der Grundschullehrer mit dem Bundespolizisten. Ob man reich ist oder arm spielt keine Rolle, religiöse Fragen ebenso wenig – und auch der familiäre Stammbaum ist nur insofern wichtig, als dass in gerade Linie Verwandte keine Kinder haben dürfen.

Klar, ein ähnliches soziales Umfeld steigert die Chancen, dass man sich überhaupt begegnet – für die meisten Beziehungen spielen der Freundeskreis oder die Arbeitsstelle eine Rolle. Aber das ist eben keine starre Regel mehr. Noch bis vor ziemlich kurzer Zeit war das anderes: Da durfte eine Tochter „aus gutem Hause“ keinesfalls eine Beziehung, sagen wir, mit dem Dienstpersonal eingehen. Und in der Stein- und Bronzezeit waren die Sitten noch viel, viel strenger. Das haben Forscher aus unserer Region gerade herausgefunden, die am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena und am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig arbeiten.

Chef des Teams, in dem auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Tschechien mitgearbeitet haben, war Luka Papac aus Jena. Die Gruppe berichtet im Fachmagazin „Science Advances“ von aufsehenerregenden Genanalysen: Demnach stammen die meisten von uns sozusagen von einer Art Super-Papa ab, der vor Tausenden Jahren gelebt hat. Denn, das hat das Team bei der Untersuchung von rund uralten 270 Skeletten aus Böhmen in der heutigen Tschechischen Republik herausgefunden: Vor rund 5000 Jahren wurden offenbar die Paarungsregeln neu geschrieben. Und wer mit wem durfte, das war damals offenbar ein sehr streng geregeltes Thema.

Viele wollten, nur wenige durften

„Endlich konnten wir wichtige zeitliche Lücken schließen, vor allem in der Übergangszeit vor etwa 5.000 Jahren, als sich die genetische Landschaft drastisch veränderte“, sagt Max-Planck-Forscher Wolfgang Haak. Offenbar war es nämlich so, dass damals nur eine kleine Anzahl von Männern den Großteil der Nachfolgen gezeugt hat.

Konkret belegen die Forschenden das am Beispiel der Menschen aus der sogenannten Schnurkeramik-Kultur vor 4.900 bis 4.400 Jahren. Die heißen so, weil sie die von ihr angefertigten Tongefäße immer auf dieselbe Weise verziert haben. Bei uns in der Region gibt es viele Fundstellen, wo Archäologen Gegenstände und Skelette aus dieser Zeit gefunden haben.

Und bei den aktuellen Genanalysen zeigte sich nun: Zunächst gab es in dieser Zeit noch fünf Abstammungslinien der Menschen, man kann sich das vielleicht wie Familienclans vorstellen. Doch im Laufe der Zeit blieb davon nur noch eine einzige übrig. „Dieses Muster könnte das Entstehen einer neuen sozialen Struktur oder einer neuen ‚Paarungsregelung‘ widerspiegeln, bei der nur eine kleine Auswahl von Männern die Mehrheit der Nachkommen gezeugt hat“, sagt Forscher Papac. „Es könnte zum Beispiel sein, dass eine Familie besonders mächtig geworden ist.“ Die anderen Männer hatten dann nur noch wenig zu melden.

Männliche Eliteschicht wurde ausgetauscht

Und krass ist: Auch im darauffolgenden Zeitabschnitt ging das so weiter. Das war die Zeit der sogenannten Glockenbecherkultur. Auch die ist benannt nach den Alltagsgegenständen, die die Leute damals hergestellt haben. Die Gefäße hatten nämlich, richtig, die Form umgekehrter Glocken. Und bei denen war die Sache nun so, dass es auch hier nur eine einzige genetische Abstammungslinie gab. Es war aber eine andere als in der Phase zuvor. Das heißt, dass die männliche Elitenschicht offenbar ausgetauscht wurde. Und für gewöhnlich passierte ja so etwas nicht unbedingt friedlich.

Egal also, wie kompliziert Eure Beziehung vielleicht gerade ist, wie schwer ihr scheinbar bei Eurer Angehimmelten oder Eurem Angehimmelten landen könnt – alles ist ein Klacks gegen die wilden Zeiten früher hier bei uns in der Region. Und das ist doch mal eine gute Nachricht!

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