Rechte und Ansprüche der Pflegenden

Eine in einem Gummihandschuh steckende Hand hält die Hand eines Mannes, der pflegebedürftig im Bett liegt. 1 min
Bildrechte: imago/Martin Wagner

MDR JUMP Di 26.11.2019 02:10Uhr 01:08 min

Audio herunterladen [MP3 | 1 MB | 128 kbit/s] Audio herunterladen [MP4 | 527,3 KB | AAC | 256 kbit/s] https://www.jumpradio.de/thema/quicktipp/ploetzlich-pflegefall-102.html

Rechte: MDR JUMP

Audio

Wie wird die Pflegebedürftigkeit bestimmt?

Pflegebedürftigkeit kann in jedem Alter auftreten. Definiert im Sozialgesetzbuch XI gilt als pflegebedürftig, wer gesundheitlich bedingt in seinen Fähigkeiten eingeschränkt ist und die Anforderungen des Alltags nicht mehr selbstständig bewältigen kann. Dabei muss die Pflegebedürftigkeit auf Dauer, mindestens aber sechs Monate bestehen. Das betrifft aktuell ca. 3,5 Millionen Menschen in Deutschland. Wer in den letzten zehn Jahren vor Eintritt der Pflegebedürftigkeit mindestens zwei Jahre in der gesetzlichen Pflegeversicherung versichert oder familienversichert war, hat Anspruch auf Leistungen.

Wie werden die Leistungen für Pflegebedürftige beantragt?

Ein Dokument mit der Aufschrift "Vorsorgevollmacht" liegt auf einem Tisch.
Bildrechte: dpa

Die Beantragung erfolgt durch den Pflegebedürftigen selbst. Wer das aufgrund der schweren Folgen von Unfall oder Krankheit nicht mehr kann, hat hoffentlich schon zu gesunden Zeiten eine Vorsorgevollmacht oder Betreuungsverfügung hinterlegt, damit Verwandte oder Freunde die rechtliche Vertretung übernehmen können. Ist das nicht der Fall, kann das Amtsgericht eine rechtliche Betreuung anordnen.

Der Antrag auf Leistungen wird dann über die Krankenkasse bei der Pflegekasse gestellt. Das kann formlos per Brief, Mail oder telefonisch erfolgen. Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) schickt dann einen Gutachter, der den Grad der Pflegebedürftigkeit prüft. Die Prüfung erfolgt angemeldet im häuslichen Umfeld des Bedürftigen. Es empfiehlt sich, den Besuch des Gutachters gut vorzubereiten, damit bei der Einstufung in den entsprechenden Pflegegrad auch alle Beeinträchtigungen des Pflegebedürftigen berücksichtigt werden. Hilfreich dabei ist, alle Unterlagen zum Krankheitsbild parat zu haben und im Vorfeld ein formloses Pflegetagebuch zu führen. Darin sollten alle Dinge dokumentiert werden, bei denen der zu Pflegende Hilfe braucht und wie viel Zeit für diese Hilfestellungen benötigt wird.

Ein alter Mann sitzt im Rollstuhl,, begleitet von einer jungen Frau wird er vom Arzt untersucht.
Bildrechte: colourbox.com

Vor dem Gespräch mit dem Gutachter, bei dem Angehörige dabei sein sollten, sollte man sich im Klaren sein, wer und in welchem Umfang die Pflege übernehmen soll. Sollen Familienangehörige das leisten oder ein Pflegedienst, kommt eine Mischung aus beidem in Frage oder soll die Pflege bei schweren Fällen stationär erfolgen?

Der Gutachter übermittelt seine Ergebnisse der Pflegekasse. Diese muss dem Antragsteller innerhalb von 25 Arbeitstagen nach Antragstellung mitteilen, ob und welchen Pflegegrad zwischen 1 und 5 der zu Pflegende erhält. Die Leistungen können dann ab dem Tag der Antragstellung in Anspruch genommen werden. Überschreitet die Pflegekasse die Frist von 25 Arbeitstagen, können ihr gegenüber vom Pflegebedürftigen Strafzahlungen geltend gemacht werden.

Wer mit der Entscheidung der Pflegekasse nicht einverstanden ist, legt innerhalb eines Monats Widerspruch ein. Einsicht in das Gutachten kann auch ohne Widerspruch genommen werden.

Organisation der Pflege

Häusliche Pflege
Wer sich entscheidet, einen Angehörigen zu Hause zu pflegen, sollte vorher gut planen, inwieweit ihm das vollumfänglich möglich ist. Gute Pflege kostet viel Kraft und braucht Zeit. Je nach Schwere der Erkrankung ist unter Umständen eine Betreuung rund um die Uhr notwendig. Deshalb sollte man sich im Klaren darüber sein, ob und wie das mit der eigenen Berufstätigkeit zu vereinbaren ist, ohne den Anschluss und/oder Karrierechancen zu verlieren. Auch die eigene Gesundheit und das Familienleben darf man bei der Organisation der Pflege nicht außer Acht lassen. Funktioniert die Betreuung des Pflegebedürftigen in der eigenen Wohnung nicht oder nicht mehr, dann kann der Umzug in eine ambulant betreute Wohngruppe sinnvoll sein (z.B. eine Demenz-WG).

Stationäre Pflege
Bevor ein Angehöriger in ein Pflegeheim zieht, sollte man das Heim besuchen. Dabei ist ein Gang durchs Haus essentiell. Gespräche mit dem Personal, mit Bewohnern und deren Angehörigen helfen, die Qualität des Hauses einzuschätzen. Am besten sieht man sich mehrere Heime an und entscheidet sich erst danach für eines der Häuser. Zur Vorbereitung der Heimbesuche empfiehlt es sich, eine Checkliste anzufertigen, damit vor Ort auch alle relevanten Punkte geprüft und alle Fragen gestellt werden können. Vorlagen für solche Listen gibt es bei Beratungsstellen oder im Internet.

Wer zahlt was?

Miniatur Figuren aller Altersgruppen stehen auf Münzstapeln
Bildrechte: imago/Ralph Peters

Die Pflegekassen zahlen je nach Pflegegrad und Ort der Pflege (häuslich oder stationär) unterschiedliche Summen. Im Pflegegrad 1 gibt es für alle einen einheitlichen sogenannten Entlastungsbetrag von monatlich 125 Euro. Dieser Betrag kann nur zweckgebunden ausgegeben werden, z.B. für Personen, die Einkäufe erledigen oder putzen. Das Geld soll dabei helfen, Pflegebedürftige so lange wie möglich im eigenen Umfeld selbständig sein zu lassen.

Ab Pflegegrad 2 besteht Anspruch auf Pflegegeld. Wird zu Hause gepflegt, erhält die pflegende Person den Betrag, der allerdings dann niedriger als bei stationärer Pflege ist. Werden häusliche und stationäre Pflege kombiniert, erhält der pflegende Angehörige nur einen Teilbetrag ausbezahlt.

Außerdem besteht ab Pflegegrad 2 ein Anspruch auf sogenannte Pflegesachleistung, d.h. Pflegedienste können mit der Pflege beauftragt werden und diese komplett oder teilweise übernehmen. Übernimmt der Pflegedienst die Pflege nur teilweise, werden Pflegegeld und Pflegesachleistung entsprechend gewichtet. Seit Mai 2019 können auch Betreuungsdienste beauftragt werden. Diese übernehmen keine fachspezifischen Pflegeleistungen, sondern kümmern sich um die Teilhabe des Pflegebedürftigen am gesellschaftlichen Leben und führen beispielsweise Gespräche mit ihnen oder begleiten sie auf Spaziergängen oder zu Veranstaltungen.

Zur Unterstützung der Pflege zahlt die Pflegekasse ab Pflegegrad 1 Pflegehilfsmittel (z.B. Desinfektionsmittel, Einmalhandschuhe, Windeln) in Höhe von 40 Euro pro Monat. Werden sonstige oder technische Pflegehilfsmittel (z.B. ein Badewannenlifter) benötigt, übernimmt auch hier die Pflegekasse ab Pflegegrad 1 auf Antrag die Kosten. Unter Umständen muss eine Zuzahlung von zehn Prozent, maximal jedoch 25 Euro geleistet werden. Muss das Wohnumfeld baulich verändert werden, weil beispielsweise jemand plötzlich auf den Rollstuhl angewiesen ist, können je Maßnahme bis zu 4.000 Euro beantragt werden.

Bei der stationären Pflege zahlen die Pflegekassen bis zur Höhe des Satzes des jeweiligen Pflegegrades die Heimkosten. Da das aber die Kosten nicht deckt, muss der Pflegebedürftige zuzahlen. Reichen seine finanziellen Mittel dafür nicht aus, können Sozialleistungen beantragt werden.

Rechte und Ansprüche der Pflegenden

Wer berufstätig ist und sich um einen pflegebedürftigen Angehörigen kümmern möchte, hat rechtliche Ansprüche. So gibt es die Möglichkeit, eine Pflegezeit von bis zu sechs Monaten zu nehmen, sich also zeitlich befristet ganz oder teilweise vom Beruf freistellen zu lassen. Dies ist allerdings nur in Betrieben ab einer Mitarbeiterzahl von 16 möglich. Reichen die sechs Monate Pflegezeit nicht aus, besteht in Betrieben ab 26 Mitarbeitern die Möglichkeit, eine Familienpflegezeit von bis zu 24 Monaten zu beantragen. Um den Lohnausfall etwas zu kompensieren, kann beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) ein zinsloses Darlehen beantragt werden.

Tritt eine akute Pflegesituation auf, kann ausnahmslos jeder Arbeitnehmer bis zu zehn Tage der Arbeit fernbleiben. Dies muss dem Arbeitgeber unverzüglich angezeigt werden. Wenn für diese Zeit seitens des Arbeitgebers keine Vergütung erfolgt, gibt es die Möglichkeit, bei der Pflegekasse in sogenanntes Pflegeunterstützungsgeld zu beantragen.

Auch pflegende Angehörige brauchen mal Urlaub oder werden selbst krank. Die Pflegekasse zahlt deshalb bis zu sechs Wochen im Jahr und auch stundenweise eine notwendige Ersatzpflege. Diese Leistung nennt sich Verhinderungspflege und kann ab Pflegegrad 2 in Anspruch genommen werden.

Geht es dem Pflegebedürftigen mal schlechter oder muss er ins Krankenhaus und kann nicht sofort danach wieder zu Hause gepflegt werden, kommt die Möglichkeit der Kurzzeitpflege in Betracht. Das heißt, der Pflegebedürftige wird kurzzeitig stationär in eine Pflegeeinrichtung aufgenommen und dort versorgt. Auch diese Leistung gilt ab Pflegegrad 2 und kann bis zu acht Wochen im Jahr genutzt werden. Bei der teilstationären Tagespflege und der Nachtpflege wird der Pflegebedürftige zeitweise in einer Pflegeeinrichtung betreut. Alle genannten Leistungen werden dann mit Pflegegeld für den pflegenden Angehörigen verrechnet.

Beratung

Wer plötzlich mit dem Thema Pflege konfrontiert ist, sieht sich meist einem schier unüberwindlichen Berg aus Fragen, Formularen, Anforderungen, Verpflichtungen und Richtlinien gegenüber. Deshalb ist eine Beratung angezeigt. Diese wird von einer Vielzahl von Fachkräften angeboten. Ist der künftig zu Pflegende noch in der Klinik, ist der Sozialdienst dort der erste Anlaufpunkt. Außerhalb der Krankenhäuser beraten die Kranken- und Pflegekassen, Seniorenberatungsstellen, kommunale und kirchliche Sozialstationen, Sozialämter und Selbsthilfegruppen. Außerdem hat, wer sich um Pflegebedürftige kümmert, einen Anspruch auf unentgeltliche Schulung. Diese wird von den Pflegekassen angeboten und kann auch beim Pflegebedürftigen zu Hause erfolgen.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 26. November 2019 | 10:45 Uhr

Noch mehr Umschau-Quicktipps