Privatinsolvenz: Was tun, wenn einem die Schulden über den Kopf wachsen?

14.10.2019 | 02:25 Uhr

Laut Schuldenmonitor sind rund 84.000 Menschen im letzten Jahr in die Privatinsolvenz gegangen, um sich von Schulden zu befreien: ein langer Weg, nicht ohne Hürden, aber mit Unterstützung.

Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens 1 min
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MDR JUMP Mo 14.10.2019 02:10Uhr 01:08 min

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Wann du in Privatinsolvenz gehen solltest

Schulden bei der Bank, Zahlungsschwierigkeiten bei der Miete oder eine Vielzahl unbezahlter Forderungen von Versicherung, Telefongesellschaften oder Internethändlern: Das können Gründe für den Schritt in eine Privatinsolvenz sein. Schließlich bietet dieses Verfahren die Chance, nach maximal sechs Jahren und unter ganz bestimmten Voraussetzungen und Verhaltensweisen von allen Schulden befreit zu sein.

Grundsätzlich entscheidet jeder für sich selber, wann es soweit ist oder sein sollte, in die Privatinsolvenz zu gehen. Es kann also niemand dazu verpflichtet werden. Komm jedoch möglichst früh in eine Schuldnerberatung. Am besten schon dann, wenn sich an deinem Einkommensverhältnissen etwas grundsätzlich negativ ändert. Wenn du deine Miete nicht bezahlen kannst oder immer wieder in den Dispo rutschst.

Wer in die Privatinsolvenz gehen darf

Das Verbraucherinsolvenzverfahren ist nur für natürliche Personen (Privatpersonen) erlaubt. Ehemals Selbstständige können unter ganz bestimmten Umständen ebenfalls in das vereinfachte Insolvenzverfahren gehen. Für Unternehmen und Selbstständige gilt das Regelinsolvenzverfahren. Bei Unklarheiten lass dich beraten. Rechtsgrundlage für beide Verfahren ist die Insolvenzordnung.

Wer dabei hilft

Ein erster Ansprechpartner kann eine anerkannte Schuldnerberatung sein. Die Experten dort bereiten mit dir das eigentliche Insolvenzverfahren vor. Aber auch Anwalt, Notar und Steuerberater können Schuldnerberater sein. Wenn das Amtsgericht als dein zuständiges Insolvenzgericht dann das Insolvenzverfahren einleitet, bekommst du von dieser Stelle einen Insolvenzverwalter gestellt, der dich bis zum Abschluss des Verfahrens betreut und berät.

Der grundsätzliche Ablauf

Merkst du, dass du deine Schulden nicht mehr begleichen kannst, musst du zunächst versuchen, dich außergerichtlich mit den Gläubigern zu einigen. Dazu stellst du mithilfe der Schuldnerberatung einen Schuldenbereinigungsplan auf. Damit machst du den Gläubigern ein Angebot, dass du in bestimmten Raten über einen bestimmten Zeitraum deine Schulden zurückzahlst. Lehnt auch nur ein Gläubiger diesen Plan ab, musst du beim zuständigen Gericht deine Privatinsolvenz als Schuldenbereinigungsverfahren beantragen.

Nun wird dir ein Insolvenzverwalter als Treuhänder gestellt, der dein Einkommen und dein Vermögen verwaltet. Er versucht zuerst, soviel wie möglich verwertbares Vermögen zu pfänden und an die Gläubiger auszubezahlen. Dann musst du über eine Frist von in der Regel sechs Jahren mit einem Mindestsatz an Gehalt auskommen. Die Höhe richtet sich unter anderem nach der Anzahl deiner Kinder und ist in der Pfändungstabelle (§ 850c ZPO) festgelegt. Der Rest deiner Einnahmen geht an deine Gläubiger. Du darfst während der ganzen Zeit keine Schulden machen und müssen sich gegebenenfalls nachweisbar um Arbeit bemühen. Das nennt man die Wohlverhaltensphase. Ist die abgeschlossen, wirst du von deinen Restschulden befreit und kannst finanziell ein neues Leben beginnen. Das gesamte Verfahren kostet dich bis zu 3.000 Euro, die du bis zum Ende ebenfalls abzahlen musst.    

Vier mögliche Wege

Im Normalfall dauert die erwähnte Wohlverhaltensphase sechs Jahre. Du kannst diese Zeit auf drei Jahre verkürzen, wenn du bis dahin mindestens 35 Prozent der aufgelaufenen Schulden und die gesamten Verfahrenskosten bezahlt hast. Auch nach fünf Jahren ist ein Abschluss möglich, wenn du bis dahin die gesamten Verfahrenskosten begleichst.

Solltest du während der Zeit überraschend größere Einnahmen, wie etwa ein Erbe, haben, kannst du dich mit Gericht und Gläubigern auch auf ein Insolvenzplanverfahren einigen. Dabei regelst du die Schuldentilgung dann individuell. Wichtig: Von Schulden aus Steuerhinterziehung oder Unterhaltsansprüchen wirst du auch nach sechs Jahren nicht befreit. 

Was du abgeben musst

Gepfändet wird, was du nicht zum Leben brauchst: Schmuck, Geld, wertvolle Gegenstände wie Bilder und teures Porzellan. Aber auch Bausparverträge oder Lebensversicherungen wird der Insolvenzverwalter zu Beginn des Verfahrens einziehen und an die Gläubiger verteilen.

Auch ein Auto kann gepfändet werden. Es sei denn, du kommst nur damit auf Arbeit, weil keine öffentlichen Verkehrsmittel zur Verfügung stehen oder das Auto unmittelbar für Ihren Beruf gebraucht wird, als Taxifahrer zum Beispiel. Und selbst das Haus kann gepfändet und verkauft werden, wenn ein Gewinn zu erwarten ist. Natürlich muss das in einem Verhältnis zu den Schulden stehen.

Was du behalten darfst

Gerade für ein Haus könnte es eine sogenannte Freigabe vom Insolvenzverwalter geben. Besonders dann, wenn es höher mit Schulden belastet ist, als ein Verkauf einbringen würde. Ansonsten werden sehr persönliche Gegenstände wie ein Ehering nicht gepfändet. Das gilt auch für eine einfache Haushaltsausstattung. Fernseher, Radio und Computer bleiben also erhalten, wenn sie keinen Luxus darstellen, also besonders hochwertig und teuer sind. Rentenversicherungen werden in der Regel nicht gepfändet, da sie der Altersvorsorge dienen. Manchmal ist es noch möglich, eine Lebensversicherung dementsprechend umzuwandeln. Das muss aber deutlich vor der Eröffnung des Privatinsolvenzverfahrens geschehen.

Ehepartner sind nicht betroffen

Du haftest immer nur für eigene Schulden. "Grundsätzlich ist der Ehepartner nicht betroffen. Wenn du allerdings gemeinsames Eigentum hast, wird das bei der Pfändung herangezogen", erklärt Andrea Günther. Wollen nicht betroffene Ehepartner also Dinge von der Pfändung ausschließen, müssen sie nachweisen, dass die Sachen allein bezahlt wurden. Das kann besonders bei Auto und Haus enorm wichtig sein.

Es lohnt sich aber nicht, dass einer der Ehepartner vorsätzlich Schulden macht, also teure Dinge kauft und dann in die Privatinsolvenz geht. Das kann auch als Betrug gewertet und von den Gläubigern angezeigt werden.

Wann du wieder schuldenfrei bist

Nach Ablauf der Wohlverhaltensphase wird die Restschuldbefreiung vom Gericht eingeleitet. Das heißt, du wirst werden von allen Forderungen deiner Gläubiger befreit und kannst wieder selbstständig und ganz allein über dein Geld verfügen. Und genau drei Jahre nach der Restschuldbefreiung werden sämtliche Informationen darüber auch bei der SCHUFA gelöscht. Sollte später nochmal eine finanzielle Schieflage eintreten, ist sogar ein erneutes Privatinsolvenzverfahren möglich. "Im Prinzip kannst du das mehrmals machen. Nach einer Sperrfrist von zehn Jahren nach einer abgeschlossenen Insolvenz ist das theoretisch möglich", sagt Andrea Günther von der Verbraucherzentrale Sachsen.

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Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 14. Oktober 2019 | 10:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Oktober 2019, 02:10 Uhr

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