Wann ist der richtige Zeitpunkt, um Kinder loszulassen?

Einmal zwinkern und das Kind ist erwachsen. So fühlt es sich für viele Eltern zumindest an und das Loslassen fällt schwer. Wir haben einen Elterncoach gefragt, wie man das Empty-Nest-Syndrom besiegen kann.

Das Kind verlässt das Haus und zieht weg, die Eltern gucken hinterher
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Für viele Paare ist es das Schönste auf der Welt: Ein gemeinsames Kind auf die Welt bringen. Man liebt es von ganzem Herzen und genießt jeden Tag zusammen. Und doch ist da oft der quälende Gedanke im Hinterkopf, dass die Kids eines Tages erwachsen werden und ihr eigenes Leben führen. Wir haben Elterncoach Martin Biesold gefragt, was man tun kann, damit das Loslassen nicht ganz so schwer fällt.

Was bedeutet Loslassen überhaupt?

Die Phase des Loslassens beginnt bereits in der Pubertät. Kinder entwickeln immer mehr ihren eigenen Charakter, wollen mehr Unabhängigkeit und Selbstständigkeit bekommen.

Elterncoach Martin Biesold
Unser Experte: Elterncoach Martin Biesold Bildrechte: Martin Biesold

Für die Eltern bedeutet das auf der einen Seite, dass sie weniger Einflussnahme auf das Kind nehmen können, bei gleichzeitig zunehmenden Herausforderungen und Gefahren, die dann auch verbunden sind mit Sorgen und Ängsten. Dazu kommen noch verstärkt unterschiedliche Ansichten, weil das Kind sein eigenes Weltbild etabliert.

sagt Biesold. Für die Eltern bedeutet Loslassen, dass sie zunehmend mehr Verantwortung an ihr Kind übertragen, Selbstständigkeit zugestehen und unterstützen. Andere Ansichten und Lebensweisen sollten dann respektiert und zugelassen und die Kommunikation offen gehalten werden, so der Elterncoach weiter. Die Palette der Ängste und Sorgen ist dabei sehr breit gefächert:

In erster Linie natürlich: Indem das Kind oder in dem Fall der Jugendliche immer selbstständiger wird, macht er oder sie ja auch ganz viele neue Erfahrungen. Da geht es zum Beispiel in den Bereich Sexualität und das Ausprobieren von möglicherweise Drogen und Alkohol. Was natürlich immer mit großen Gefahren verbunden ist und nicht alles legal, erlaubt und im Sinne der Eltern ist. Aber sie wissen auf der anderen Seite auch: Sie haben gar nicht mehr den Einfluss und die Möglichkeiten, überall einzuwirken und alles zu verhindern.

Da sei es wichtig, das richtige Maß zu finden, um den Kommunikationskanal zu seinem Kind zu behalten. Also lieber nicht auf den Konfrontationskurs gehen. Stattdessen soll das Kind spüren, dass man seine oder ihre Gefühle versteht und sie nachvollziehen kann. So könne man ihn besser begleiten und unterstützen. Vertrauen steht dabei über Kontrolle.

Loslassen ist für die Entwicklung der Kinder wichtig

Wir Menschen wollen uns ständig weiterentwickeln und selbst verwirklichen. Martin Biesold sagt:

Kleinkind zieht Bobbycar hinter sich her
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Das sieht man bereits vom Baby- und Kleinkinderalter an. Jeder kennt es: Wenn ein kleines Baby schreit, weil es unzufrieden ist oder weil es etwas noch nicht selbst kann. Oder wenn Kleinkinder sagen: Ich will alles alleine machen! Und das setzt sich im Laufe des Lebens fort. In der Pubertät oder im jungen Erwachsenenalter ist es dann eben schon so weit, dass wir viele Möglichkeiten haben und diese auch ausleben und neue Freiheiten gestalten wollen.

Die Jugendlichen oder jungen Erwachsenen brauchen dann mehr Kontrolle, Abwechslung und neue Herausforderungen, um weiter wachsen zu können. Nur so können sie ihr Leben später nach ihren eigenen Vorstellungen und Wünschen gestalten.

Und deswegen ist dieses Loslassen ein ganz, ganz entscheidender Prozess, weil man sonst immer in dieser Abhängigkeit zu den Eltern bleibt und sich immer auf andere Personen verlässt.

Das richtige Alter für den Auszug

Irgendwann ist es dann soweit und das Kind will das Nest verlassen und ausziehen. Gibt es dafür ein richtiges Alter?

Ja, absolut - im Alter zwischen 18 und 25 Jahren, das ist so der Richtwert. Das hängt so ein bisschen vom Reifegrad des jungen Erwachsenen ab. Das ist auf jeden Fall ein sehr, sehr gutes Alter, um auch diese räumliche Trennung zu vollziehen. Denn genau in diesem Rahmen ist es enorm wichtig, diese Selbstständigkeit und die Verantwortung für das eigene Leben aufzubauen. Man weiß auch von Erwachsenen, die vor Mitte 20 in einer positiven Art und Weise selbstständig werden und von zu Hause ausgezogen sind, dass sie bessere Beziehungen aufbauen können und erfolgreicher im Arbeitsleben agieren. Und auf der anderen Seite ist durch Studien bekannt, dass, wenn die Trennung erst nach 25 erfolgt, es statistisch gesehen deutlich häufiger zu ernsthaften Problemen im weiteren Lebensverlauf kommt.

Für die Eltern sollte dieses Wissen ein Anreiz sein, um die Kinder dabei zu unterstützen, den Auszug bis Mitte 20 zu vollziehen.

Warum fällt es schwer?

Dass Loslassen wichtig, aber schwer ist, haben wir bereits geklärt. Dabei muss jede Familie und Situation aber natürlich individuell betrachtet werden. Denn jeder hat andere Gründe, warum er oder sie nicht loslassen kann.

Großeltern beim Videochat mit Enkelin
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Es sind eigentlich die Bedürfnisse aller Beteiligten, insbesondere der Eltern, die eben Schwierigkeiten haben loszulassen. Jeder Mensch tut alles dafür, um die wichtigsten Bedürfnisse zu stillen. Das steht sogar noch über unseren Träumen, unseren Wünschen und unsere Werten. Da ist es auch unabhängig davon, ob wir diese Bedürfnisse auf eine konstruktive und nachhaltige Art und Weise befriedigen oder ob das eher destruktiv passiert und auf Dauer eher negative Konsequenzen hat.

Sicherheit und Komfort sind für uns alle zum Beispiel wichtige Bedürfnisse. Bei manchen Eltern seien sie jedoch so stark ausgeprägt, dass sie nur noch über Ängste und Sorgen nachdenken können. Die Nähe zum Kind wird dann unbedingt benötigt, um Gewissheit zu haben, dass es dem Kind gut geht. Sie wollen auch genügend Kontrolle und Einflussnahme haben, um die Herausforderungen und Gefahren aus dem Weg räumen zu können, so Biesold.

Ein anderes Bedürfnis, das auch universal jeder Mensch hat, ist das nach Liebe und Verbundenheit. Was natürlich sehr wichtig ist und gerade in der Eltern-Kind-Beziehung eine besondere Rolle einnimmt. Bei Eltern, wo die Beziehung ein bisschen aus dem Gleichgewicht geraten und sie nicht mehr harmonisch und leidenschaftlich ist, kann es allerdings passieren, dass ein Kind eine Ersatzrolle dafür einnimmt. Weil das Kind dann diese bedingungslose Liebe bekommt, fängt es an mit dem Elternteil, um die Liebe des Anderen zu konkurrieren - sei es der Sohn mit dem Vater oder die Tochter mit der Mutter. Und häufig ist es dann so, dass der eine Elternteil, der ein Stück weit ersetzt wird, eher Druck ausübt das Kind aus dem Haus zu bekommen. Das andere Elternteil klammert dagegen sehr stark, weil es eben merkt, dass es sich durch das Kind geliebt, wichtig und gebraucht fühlt. Da ist die Angst vor dem Verlust. Die häufigste Situation aus meiner Erfahrung heraus ist, dass ein Elternteil klammert.

Was tun, damit es leichter fällt?

Als Lösung, wären zwei Dinge wichtig:

Zum einen ist es ganz entscheidend, sich nicht nur über seine Elternrolle zu definieren, sondern sich auch abseits des Elterndaseins ein Leben aufzubauen, das einem weiterhin auch einen Sinn gibt. Das mag zusammen mit dem Partner sein, um die Beziehung weiter aufrecht zu erhalten und zu stärken. Aber auch Abseits der Beziehung eigene Interessen zu entwickeln, denen man nachgehen kann, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Das Zweite geht auch nicht von heute auf morgen und oft nur mit einer guten Unterstützung. Es ist wichtig zu verstehen, welche Gründe dahinterstecken. Welche Bedürfnisse werden dadurch gestillt, dass das Kind zu Hause bleibt? (...) Und dann zu reflektieren: Was passiert denn, wenn wir auf diese Art und Weise weitermachen?

Mit Mitte zwanzig mag es noch kein Problem sein. Doch wie würde es sich in den nächsten 10-15 Jahren auf die Selbstständigkeit, die Beziehungen und das Leben des Kindes auswirken?

Die Eltern verlieren zunehmend Respekt, wenn das Kind auf deren Kosten zu Hause lebt oder sie bekommen Schuldgefühle und Gefühle des Versagens. Und in der Erkenntnis daraus, kommt man dann eigentlich dazu, dass dieses zuhause Wohnen kein nachhaltiger Weg sein kann.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 08. Juni 2021 | 10:45 Uhr

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