Wie wird der Corona-Herbst?

Corona kommt zurück – in einigen europäischen Ländern hat das Virus bereits wieder mit voller Macht zugeschlagen. Bei uns ist die Lage noch nicht dramatisch, die Fallzahlen steigen aber. Wie blicken Forscher auf die kommenden Wochen? Der Überblick.

Coronavirus, umgeben von anderen Krankheitserregern
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Vor einem Jahr wussten nur Wissenschafts-Insider etwas mit dem Namen Christian Drosten anzufangen. Doch in den vergangenen Monaten ist der Virologe von der Berliner Charité zur wichtigsten Stimme in der Diskussion um die Corona-Pandemie in Deutschland geworden. Wann immer Drosten etwas sagt, hört die Öffentlichkeit genau hin. Viele Menschen tun das, weil der gerade vom Bundespräsidenten ausgezeichnete Forscher aus ihrer Sicht Orientierung in unübersichtlicher Zeit bietet. Andere wiederum reiben sich an jedem Satz aus dem Mund des Mediziners.

Klar ist aber: Wenn Äußerungen von Drosten in die Öffentlichkeit gelangen, sorgen sie für Aufmerksamkeit und Diskussionen. So war es auch in dieser Woche. Da war ein langes Interview veröffentlicht worden, mit Drosten und dem früheren Charité-Chef Detlev Ganten, der heute den World Health Summit leitet, eine jährliche Medizinerkonferenz in Berlin.

In dem Interview hatte Drosten gesagt: „Wir müssen, um die Situation in den kommenden Monaten zu beherrschen, Dinge ändern. Die Pandemie wird jetzt erst richtig losgehen. Auch bei uns.“ Diese Formulierung hatte für einigen Wirbel gesorgt: War es so, dass der Virologe da in drastischen Worten vor den Entwicklungen der kommenden Wochen warnte?

Ein unschöner Trend

Denn tatsächlich stellen sich ja gerade jetzt zu Beginn des Herbstes viele Menschen die Frage, wie es weitergeht. Der landesweite Trend der Infektionszahlen ist zuletzt wieder deutlich nach oben gegangen. Es geht nicht mehr nur um einzelne Ausbruchsherde wie im Sommer. Auch wenn es natürlich starke regionale Unterschiede gibt – und Mitteldeutschland steht da immer noch sehr gut da – ist Corona mehr oder weniger überall.

Nach der Veröffentlichung des Drosten-Interviews beeilte sich der Forscher aber klarzustellen, dass sein schlagzeilenträchtiger Satz nicht wirklich eine direkte Warnung vor der kurzfristigen Entwicklung der Pandemie in Deutschland war. Das betreffende Gespräch, sagte der Virologe, sei schon vor sechs bis acht Wochen geführt worden und betreffe sehr grundsätzliche, weitreichende Fragen. „Hier geht es jetzt nicht darum, zu warnen vor der nächsten Woche oder so etwas, sondern es geht um eine weltweite Perspektive. Und weltweit geht es tatsächlich jetzt richtig los.“

Der Forscher sagte außerdem: „Aus der heutigen Einschätzung für die nächste Woche gibt es ja gar keinen Grund, sich spezielle Sorgen zu machen. Aber so kurz zu blicken ist auch ganz falsch in dieser Situation.“ Man müsse sich aber „jetzt uns das so vorstellen, dass das so kommen kann und wahrscheinlich wird wie in den Nachbarländern und uns überlegen, wie wir das in der Frühphase verhindern können.“

Nachholbedarf unter anderem bei den Schulen

Nachholbedarf machte Drosten unter anderem bei den Schulen aus. Bereits seit April sei klar, dass infizierte Kinder das Virus in ähnlichem Maße ausscheiden würden wie Erwachsene. „Da ist in der Zeit danach relativ wenig noch an zusätzlicher Arbeit geleistet worden, um mit einer Situation umzugehen, die sich vielleicht einstellen wird, nämlich dass die Infektionen in den Schulen weiter zunehmen.“ Man müsse Handlungsmöglichkeiten finden, wie man Schulen „nicht immer gleich schließen muss wegen ein paar Fällen, ohne dass man aber eine Infektion, die sich aufschaukelt, nicht früh genug merkt“.

Die Forscherin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen macht zusammen mit Kollegen eine interessante Rechnung auf: Wenn wir alle zusammen es schaffen, etwa ein Drittel der Corona-Ansteckungen durch Abstandhalten, Hygiene und Alltagsmasken zu verhindern, dann könnten die Gesundheitsbehörden durch die Nachverfolgung der anderen Infektionen und durch das Isolieren der Betroffenen den Rest erledigen. So ließe sich eine exponentielle Ausbreitung des Virus verhindern.

Kekulé-Podcast macht Pause

Mit seinem Podcast bei MDR AKTUELL macht Kekulé allerdings erst mal Pause – wohl auch, um Kraft zu schöpfen für einen möglicherweise dann doch heißen Herbst in Deutschland. Am 26. Oktober geht es dann weiter mit „Kekulés Corona-Kompass“.

Wie sollte Deutschland nun in die kommenden Wochen gehen? Wachsam, rät etwa Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery: "Wir sind noch lange nicht aus der Corona-Epidemie heraus." So halte er Bundesligaspiele vor Publikum „nach wie vor für zu gefährlich", so der Mediziner.

Streeck relativiert Forderungen nach Anpassung der Corona-Strategie

Der Bonner Virologe Hendrick Streeck hatte zwischenzeitlich mit der Forderung nach einem Strategiewechsel in der Pandemie für Aufsehen gesorgt. Zuletzt sprach er jedoch eher von einer Anpassung. Man brauche, so Streeck, mehr Risikobereitschaft, etwa bei der Genehmigung einzelner Großveranstaltungen. Das setze allerdings gute Hygienekonzepte voraus.

Gewissheiten in der Pandemie gebe es nicht, warnte Streeck. "Daher müssen wir ausprobieren, wir müssen Trial and Error machen." Es gebe dazu keine Alternativen, so der Virologe: „Das Virus ist Teil von unserem Leben. Alle hoffen auf einen Impfstoff. Das finde ich ziemlich unseriös, weil wir einfach nicht sagen können, wann ein Impfstoff kommt." Allerdings räumte Streeck auch ein, dass die Infektionszahlen in der kälteren Jahreszeit „deutlich nach oben“ gehen dürften.

„Die Krankenhäuser sind gut gerüstet. Jetzt geht es darum, Risikogruppen zu schützen – Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen, aber auch in Krankenhäusern zu verhindern“, sagt der Infektionsspezialist Peter Walger, der auch Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene ist. In diesem Zusammenhang gibt es auch gute Nachrichten: „Die alten Menschen haben dazugelernt. Sie können inzwischen ihr Risiko viel besser einschätzen und halten sich an die Regeln“, erklärt der Virologe Uwe Gerd Liebert von der Uni Leipzig.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 27. September 2020 | 16:40 Uhr

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